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MASKE DES SCHWEIGENS |
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Wie an jedem Tag, so hatte Ralf Maikamp
auch heute seine Arbeit zuverlässig und pünktlich erledigt. Es gab keinen Grund
zu Beanstandungen. Das wusste Ralf, und das schätzten seine Auftraggeber. Heute
waren es zwar mehr Lieferungen als sonst gewesen, aber er lag exakt in der sich
selbst vorgegebenen Zeit: Bis zwölf, spätestens halb eins den Empfängern alle
Briefe und Päckchen zuzustellen. So ging es seit neun Wochen, pünktlich und
zuverlässig. Heute war er mit seinem Alu-Treckingrad über vierzig Kilometer
gefahren, soviel wie selten zuvor.
Ralf zeigte keine Spur von Erschöpfung.
Mit seinen zweiundzwanzig Jahren war er durchtrainiert wie ein
Leistungssportler.
Er stellte sein Rad in dem Flur des
Mehrfamilienhauses ab und zog ein Schloss aus der schwarzen Tasche, in der bis
eben noch die Briefe und Päckchen gelegen hatten. Das biegsame Schloss wickelte
er um Hinterreifen, Rahmen und ein Eisengeländer, das vor einigen Jahren vom
Eigentümer auf Wunsch der Mieter an der Wand angebracht worden war. Ralfs Rad
hatte fast vierhundert Euro gekostet, und diese Räder waren häufig eine
bevorzugte Beute für Diebe.
Er kontrollierte sorgfältig die
Verriegelung des Schlosses, bevor er sich die leere Tasche auf die Schulter
wuchtete und leise ein Lied vor sich hin pfeifend, die Stufen hinauf stieg.
Seine kleine Wohnung lag im dritten Stock. Einen Aufzug gab es nicht. Ralfs
Wohnung war etwa fünfzig Quadratmeter groß. Es gab eine Wohnküche mit einem
kleinen Küchenblock und einer Spüle, ein Schlafzimmer und ein Bad.
Er warf die schwarze Tasche in eine
Ecke, zog die Jacke aus und legte sie auf das ungemachte Bett. Dann öffnete er
eine Dose Ravioli und überlegte, ob er sie nicht auf dem Campingkocher mit den
drei Gasplatten, der ihm als Herd diente, erwärmen sollte. Aber da vor einiger
Zeit von der Hitze, die von den Platten ausströmte, fast die gesamte Verkleidung
des Hängeschranks darüber abgelöst worden war, wollte er nicht riskieren, dass
die ganze Bude durch seine Schuld abgefackelt wurde. Deshalb ließ er den Inhalt
der Dose kalt, aß einen Happen und setzte sich dann in die Ecke der Wohnküche
an den Laptop.
Ralf schaltete ihn an, wartete, bis das
Gerät hochgefahren war und gab dann das Passwort ein.
Er hob den Kopf, als es läutete.
Wer um Himmelswillen konnte das denn
sein?
Wieder läutete es an der Tür.
Ralf musste die drei Stockwerke
hinunter laufen, weil der elektrische Türöffner seit Tagen defekt war. Unter
dem Vordach stand Karsten. Gemeinsam studierten sie an der Uni.
»Hallo, Ralf«, sagte er. »Hast du Lust,
eine Runde im Stadion mitzulaufen?«
Erst jetzt bemerkte Ralf, dass Karsten
einen Trainingsanzug trug.
»Nee«, antwortete Ralf. »Ich bin heute
Morgen über vierzig Kilometer mit dem Rad gefahren. Willst du nicht mit raufkommen?«
Karsten winkte ab. »Das nächste Mal.
Ich fahre schnell zum Stadion, drehe ein paar Runden und dann geht´s wieder ab
nach Hause. Mach´s gut.«
Karsten joggte jeden Tag zehn bis
zwanzig Kilometer, am liebsten früh morgens, wenn die Welt noch schlief. Ohne
das Laufen, so hatte er mal gesagt, sei das Leben nur halb so schön.
Ralf schloss die Haustür und drückte
auf den Lichtschalter. Ehe er im dritten Stock ankam, ging das Licht schon
wieder aus. Ralf zuckte die Schultern. Scheiß Zeitschaltuhr, dachte er.
Er erreichte seine Wohnung, als die
Türklingel erneut anschlug.
Karsten! Verdammt! Was willst du denn
jetzt noch?
Ralf drehte sich auf dem Absatz um und
lief wieder hinunter. Dieses Treppensteigen und die Radtour mussten heute aber als
sportliche Betätigung ausreichen.
Vor der Haustür stand niemand.
»Karsten?«
Ralf rief noch ein paarmal den Namen
seines Kommilitonen, aber als sich niemand meldete, zuckte er gleichgültig die
Schultern und ging wieder in den Flur hinein.
Plötzlich blieb er stehen. Er glaubte,
ein Geräusch unter der Treppe gehört zu haben.
»Hallo? Ist da jemand?«
Ralf kniff die Augen zusammen. Mit
einem Mal spürte er die Angst. Sie griff so plötzlich nach ihm, dass ihm fast
schwindelig wurde. Noch immer lauschte Ralf mit angehaltenem Atem. Aber unter
der Treppe war es still. Vermutlich hatte er sich getäuscht oder es war nur
eine Katze, die durch die Hintertür hereingekommen war. Wenn nur diese
verdammte Angst nicht wäre.
Er streckte seine Hand nach dem
Lichtschalter aus. Da wurde sein Kopf in den Nacken gerissen. Der Schmerz auf
seiner Kopfhaut, als jemand brutal in seine Haare griff, kam Sekundenbruchteile
später.
Ralf wollte schreien. Er öffnete den
Mund, aber darauf hatte der Angreifer offenbar nur gewartet. Ein nasses Tuch
wurde ihm blitzschnell in den Mund und über die Nase gedrückt. Ralf kannte
diesen ekeligen Geschmack von Chloroform. Er wollte um sich schlagen, aber die
Ohnmacht kam schneller. Wie ein Mehlsack klappte er zusammen.
Ralf spürte nicht mehr, wie zwei
kräftige Hände ihn auffingen und blitzschnell durch die Hintertür hinaus trugen.