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Leseprobe "WINDVÖGEL" | ![]() |
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Prolog
Ein
unfreundlicher Wind blies von Westen. Es war nasskalt an diesem Morgen des 4.
April. Die Temperaturen stiegen kaum über vier Grad. Hier und da waren die
braungelben Wiesen des Hochsauerlandes noch mit Schnee bedeckt. Dazu heulte ein
kühler Sturm, der die Sehnsucht nach einer warmen Wohnung aufkommen ließ.
Die Frau in dem dunkelblauen Wollmantel
blieb am Rande des Bürgersteigs stehen und wartete, bis der Linienbus nach
Winterberg, der Kleinstadt im Hochsauerland, an ihr vorbeigefahren war. Sie
beneidete die Fahrgäste nicht. Obwohl die Strecke Frankenberg-Bestwig mehrmals
am Tag gefahren wurde, war der Bus wie immer überfüllt, und die Männer und
Frauen hockten oder standen eng zusammen, als müssten sie sich wärmen. Dabei
war es im Inneren ganz sicher nicht nur entsetzlich warm, sondern auch stickig.
Die Fenster waren geschlossen, und niemand würde es wagen, den Fahrer bei
dieser Witterung zu bitten, sie zu öffnen.
Die Frau wusste, wie das war. Jahrelang
war sie selbst in den Bus gestiegen, um mit vielen anderen über Olsberg nach
Brilon zur Arbeit zu fahren.
»Morgen, Ello«,
sagte jemand.
Sie drehte den Kopf. Der Mann, der mit
langsamen Schritten an ihr vorbeischlurfte, nickte müde. Sie kannte ihn
flüchtig. Er arbeitete bei dem Schreiner am Ende des Dorfes.
Immerhin nannte er sie Ello und nicht Eleonore. Sie hasste ihren Namen. Was hatten
sich ihre Eltern nur dabei gedacht, sie so zu nennen?
»Morgen«, erwiderte Ello
und wollte ein paar Worte mehr sagen, aber dann schwieg sie. Kaum jemand hatte
so früh am Morgen Lust zu einer Konversation. Das kleine Dorf Züschen im Hochsauerland erwachte erst langsam.
Die Rücklichter des Busses verschwanden
in Höhe des alten Ehrenmales in einer Kurve, und Ello
überquerte die Hauptstraße. Seit ihr Chef seine Firma im letzten Herbst von
Brilon nach Züschen verlegt hatte, konnte sie zu Fuß
zu ihrer Arbeit gehen.
Sie hatte noch Zeit und überlegte, ob
sie der Hauptstraße folgen, um dann nach knapp einem Kilometer durch die
Schützenstraße am Hotel Sonnblick vorbei den Berg hinaufgehen sollte. Die
Schützenstraße verlief lang gezogen, aber sanft bergan. Allerdings würde das
einen großen Umweg für sie bedeuten. Deshalb entschied sich Ello
für die kürzere Strecke, direkt zur Hardt hinauf, obwohl diese Straße recht
steil und beschwerlich war.
Fröstelnd schlug Ello
den Kragen ihres Mantels hoch. Dabei warf sie wieder einen Blick auf ihre Uhr.
So früh war bestimmt noch niemand in der Firma.
Sie seufzte. Seit Wochen schon litt sie
an Schlafstörungen. Schlaftabletten wollte sie nicht nehmen, dann doch lieber
ab und zu einen kleinen Schluck Likör. Der beruhigte zwar, brachte aber auf
Dauer auch keinen erholsamen Schlaf. Sie hatte Angst, zur Alkoholikerin zu
werden. Bekannte gab es genug, die mit einem winzigen Likör angefangen hatten
und nun nicht mehr vom Alkohol lassen konnten.
Ello zog den
dunkelroten Schal fester um den Hals und tastete nach ihrem Dutt, um zu prüfen,
ob er noch richtig saß. Die Sorge war unbegründet. Seit sie ihr Haar
zusammenband, hatte sich der Knoten noch nie gelöst. Die strenge Haartracht
ließ Ellos Gesicht jedoch älter wirken. Im Herbst
hatte sie ihren vierundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Allein, wie seit
Jahren. Sie hatte keine Freunde, nur ein paar flüchtige Bekannte in Züschen, die sich jedoch ihrer Gesellschaft wegen ihrer
unvorteilhaften Kleidung schämten, wie sie einmal zufällig mit anhören konnte.
Danach hatte sie eine Zeit lang engere Röcke und modische Blusen getragen, aber
die waren ihr so unbequem, dass sie bald wieder in ihre alte Gewohnheit
zurückgefallen war. Auch jetzt trug sie zu dem dunkelblauen Wollmantel ein Paar
einfache flache Schuhe. Die schwarze Tasche unter ihrem Arm, in der ein
Frühstücksbrot und eine Kanne mit warmem Wasser für die Zubereitung ihres
Kamillentees steckten, war allerdings neu.
Bis auf einige weitere Berufstätige,
die ihr entweder zu Fuß oder im Wagen entgegenkamen, war an diesem Morgen nicht
viel los. Ein paar Männer schaufelten die letzten kümmerlichen Schneereste zur
Seite, ein Zeitungsbote lief von Haus zu Haus, und drei Schüler stiegen mit
ihren Ranzen in einen PKW-Kombi.
Ello kreuzte
den Karl-Hahne-Weg, die Mittelstraße und die Blumenstraße
und bog auf der Höhe nach rechts in die Schützenstraße ab, um sich gleich
wieder nach links auf den kleineren unebenen Weg »Hinter der Hardt« zu begeben,
der direkt auf ein einstöckiges rechteckiges Gebäude mit einem großen Parkplatz
zuführte. Hier arbeitete sie als Büroangestellte.
Alles war ruhig, die Fensterläden
ordnungsgemäß geschlossen.
Sie nahm den Schlüssel aus der Tasche,
schloss die große Eingangstür auf und trat in die etwa vier Meter breite und
ebenso lange Diele ein, in der es dunkel war, weil es keine Fenster gab. Ello betätigte den Lichtschalter. Rechts von ihr wies ein
Schild auf das Büro hin. Links befand sich eine breite Doppeltür, an der in
noch größeren Lettern das Wort »Lager« stand, und geradeaus führte eine weitere
Tür zu einem Verpackungsraum, wie auf dem Hinweis an der Wand zu lesen war.
Während die Bürotür aus massivem, weiß lackiertem Holz war, bestanden die
beiden anderen Türen aus Metall und waren scheußlich grau gestrichen.
Ello wollte
gerade das Büro öffnen, als sie bemerkte, dass die Tür zum Verpackungsraum
nicht geschlossen war. Sie schwankte hin und her, vermutlich von einem
Windstoß, der durch die Lüftungsschlitze pfiff, die überall angebracht waren.
Die Scharniere quietschten leise bei jedem Schwingen, und einen Augenblick lang
wunderte sich Ello, warum die Tür nicht gegen den
eisernen Rahmen prallte.
Zwei Füße hinderten die Tür am
Zuschlagen.
Ello runzelte
die Stirn. Die Schuhe kannte sie. Kurt Lamberg trug
solche ausgetretene schwarze Slipper.
Sie stieß die Tür auf und blieb abrupt
stehen.
Der Mann vor ihr lag auf dem Bauch.
Sein Kopf war leicht zur Seite gedreht, und sein Mund berührte den eiskalten,
grauen PVC-Boden.
Als sie sich bückte, streifte ihr
dunkelroter Schal über den Boden. Überrascht stellte Ello
fest, dass der Schal dieselbe Farbe wie der Fußboden hatte. In der nächsten
Sekunde fuhr sie erschrocken zurück. Unter Kurt Lambergs
Kopf hatte sich eine dunkle Flüssigkeit ausgebreitet.
Ello wusste
sofort, dass der süßliche, unangenehme Geruch, der ihr unvermittelt in die Nase
stieg, nur Blut sein konnte.
Sie stieß einen erstickten Schrei aus,
und ihr Herz drohte auszusetzen, als jemand durch die Eingangstür hereinkam.
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Das
Geräusch des Radioweckers drang abrupt in mein Bewusstsein. Einen Augenblick
später tastete ich mit der Hand zum Lichtschalter. Die Nachttischlampe zauberte
helle Kreise an die Decke meines Zimmers, aber sie waren bereits sehr schwach,
denn trotz eines wolkenverhangenen Himmels wurde es
durch die geöffneten Fenstervorhänge langsam hell.
Ein Blick zur Uhr zeigte mir, dass es
kurz nach sieben war, am 4. April. In meinem Zimmer war es warm, die Heizung
hatte die ganze Nacht gebullert, was ich zuerst für sehr angenehm gehalten, im
Laufe der Nacht aber als lästig empfunden hatte. Zweimal war ich schweißgebadet
aufgewacht. Ich hätte die Heizung herunterdrehen können, aber ich war zu faul,
um aufzustehen. Jetzt lag ich in meiner eigenen Suppe.
Seit vier Tagen war ich nun in Züschen. Ich wohnte bei Willi und Sandra Kaiser. Willi war
von Kindheit an mein Freund gewesen, und erst als es mich als Kriminalkommissar
nach Bielefeld verschlug, hatten wir uns ein wenig aus den Augen verloren, weil
ich es viele Jahre nicht für nötig gehalten hatte, meinen Heimatort Züschen zu besuchen.
Dabei hatte ich mein halbes Leben hier
verbracht, war hier geboren, aufgewachsen und hatte während meiner gesamten
Schulzeit von der damaligen Volksschule angefangen bis zum Abitur hier gewohnt.
Das Dorf, das ich zwischenzeitlich mehr als zehn Jahre nicht besucht hatte, war
mir wieder sehr ans Herz gewachsen. Eigentlich seit dem vergangenen Mai, als
ich zusammen mit Hauptkommissar Dorstmann den Mord an
der Frau meines Schulkollegen Thomas Bodeck aufgeklärt hatte.
Ich stand auf und ging zum Waschbecken.
Es war ein kleines, aber sehr gemütliches Zimmer, mit einem französischen Bett,
das Sandra mit einfarbiger dunkelblauer Wäsche bezogen hatte. Zu beiden Seiten
des Bettes stand je ein weißer Nachttisch mit zwei Schubladen. Am Fußende
befand sich ein runder Tisch mit einer weißen Decke und zwei Stühlen, über die
ich meine Kleidung abgelegt hatte. Ein ebenfalls weißer Schrank an der Wand mit
einer Spiegeltür in der Mitte und eine hellblaue Bettumrandung
vervollständigten den Raum, in dem man sich wohlfühlen
konnte.
Ich sah in den Spiegel über dem
Waschbecken. Ein altes, faltiges und verbraucht wirkendes Gesicht sah mich an.
In letzter Zeit waren keine weiteren Haare ausgefallen, aber abgenommen hatte
ich, mindestens vier Kilo. Ich aß keine Schokolade und keinen Kuchen mehr und
trank nur mäßig Alkohol. Im Grunde fühlte ich mich körperlich fit. Auch meine
Rückenschmerzen hatten nachgelassen, aber trotzdem sah ich blass aus. Die
letzten vier Tage hatten nicht ausgereicht, um ein wenig Erholung in meine Züge
zu zaubern.
Vor dem Haus hörte ich Stimmen. Ich
trat ans Fenster. Sandra stieg gerade in ihren VW-Lupo.
Sie hätte gut zu Fuß bis zur Grundschule an der Ebenau
gehen können, aber durch einen eigenen Wagen war sie erstens unabhängiger und
zweitens konnte sie ihre schwere Schultasche mit den Heften der Kinder und den
Medien für den Unterricht bequemer zur Schule transportieren.
Willi beugte sich in den Wagen hinein
und gab ihr einen Kuss. Dann wartete er, bis Sandra davon gefahren war, und
ging zurück ins Haus.
Es war ein Ritual bei den beiden. Wer
zuerst zur Arbeit musste, wurde von dem anderen bis zum Wagen begleitet und mit
einem langen Kuss verabschiedet. Diese beiden liebten und respektierten sich
auch noch nach fast dreißig Jahren Ehe wie am ersten Tag.
Bitterkeit, ja sogar Eifersucht auf
diese vertrauten Zärtlichkeiten stieg in mir auf, und wieder wurde mir bewusst,
wie zerrüttet meine eigene Ehe doch war und dass ich deswegen regelrecht nach Züschen geflohen war.
»Wo
warst du?« Meine Frage war sachlich, ruhig und
freundlich. Ich las gerade den Sportteil der Neuen Westfälischen Zeitung, als
Inge zur Tür hereinkam. Dabei hob ich gar nicht den Kopf, denn die Frage war
rein rhetorisch. Jeder fragte doch den Partner, wo er gewesen war.
Inge antwortete nicht, sondern ging zur
Garderobe und zog ihren Mantel aus. Über meine Brille schielte ich zu ihr.
Dabei fiel mein Blick auf die Uhr an der Wand. Es war nach acht und bereits
dunkel. So spät war Inge selten nach Hause gekommen, nicht einmal, wenn sie
ihre Mutter besucht hatte.
Dann sah ich die Pakete. Fünf, sechs,
sieben zählte ich auf Anhieb, ohne die kleineren, die bestimmt in einer der
Plastiktüten steckten.
Inge hatte eingekauft. Ich begriff
nicht, wofür und warum so viel, und fragte sie, ob jemand Geburtstag habe oder
eine Feier anstünde.
»Nein«, sagte sie. »Das ist alles für
mich. Und das Beste ist, ich brauchte es noch nicht einmal sofort zu bezahlen.« Dabei strahlte sie mich so an, als hätte sie mir gerade
einen Lottogewinn mitgeteilt.
Ich ließ die Zeitung sinken. »Was heißt
das – nicht mal sofort bezahlen?
Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du den ganzen Kram umsonst
gekriegt hast.«
»Kram sagst du? Hör zu, Johannes!« Sie hob ihren Zeigefinger und richtete ihn auf mich. »Ich
baue mir ab jetzt mein eigenes Leben auf. Ich kaufe, was mir Spaß macht.
Natürlich ist es nicht umsonst, aber ich brauche es erst in vier Wochen zu
bezahlen und dann noch in Raten. Diese günstige Gelegenheit muss ich doch
nutzen, nicht wahr? Und du kannst es mir nicht verbieten. Dein Geld ist auch
mein Geld. Willst du sehen, was ich gekauft habe?«
»Lieber nicht.«
Doch sie packte schon aus. Pullis,
T-Shirts, Schuhe, ein Kaffeegeschirr – davon hatten wir schon drei -, eine neue Wanduhr
für die Küche – auch hier gab es zwei Uhren -, und Miederware in zweifacher
Ausfertigung.
Ich konnte es nicht begreifen. Was war
denn nur in Inge gefahren? Sie war doch nicht verrückt geworden? Sofort
tauchten einige Fälle aus meiner aktiven Dienstzeit vor meinem inneren Auge
auf.
Bei einem Fall war die Schwester bei
einem Raubüberfall ermordet worden. Der Bruder, mit dem sie ihr ganzes Leben in
einem Haushalt zusammen gewohnt hatte, brach völlig zusammen. Wir dachten
zuerst an Inzest, aber sie hatten doch wohl eine platonische Gemeinschaft
geführt. Vom Tage der Beerdigung an besuchte der Bruder fast täglich
einschlägige Lokale und gab in wenigen Wochen sein gesamtes Geld aus.
Schließlich landete er mittellos in einem Seniorenheim, wo er später an
gebrochenem Herzen starb.
Im zweiten Fall ließ sich die Frau
eines Gastwirts einen neuen Spielautomaten andrehen. Am nächsten Tag wusste sie
nichts mehr davon, und der Arzt sprach von beginnender Alzheimererkrankung. Wir
erhielten hiervon nur Kenntnis, weil der Wirt ein paar Wochen später überfallen
und ein Gast dabei erstochen wurde.
Alzheimer! Gebrochenes Herz!
Das konnte es bei Inge nicht sein.
Vermutlich war sie überlastet, weil sie sich seit Wochen täglich um ihre
altersschwache, kranke Mutter kümmerte, die fast nur noch im Bett lag.
Langsam stand ich auf, ging auf Inge
zu, ergriff einen Pulli und ein paar Schuhe.
»Wir packen das jetzt wieder ein«,
sagte ich behutsam, »und legen es ins Schlafzimmer auf die Kommode. Morgen
sehen wir uns alles in Ruhe an.«
Überraschender Weise gehorchte Inge.
Den restlichen Abend sprachen wir nicht mehr über ihren Einkauf. Am nächsten
Morgen weinte sie.
»Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist.
Es war wie ein Rausch, Johannes. Ich konnte nicht aufhören zu kaufen. Was
machen wir denn jetzt?«
»Wir geben alles zurück. Mach dir keine
Sorgen, okay?«
An diesem Tag blieb sie im Bett,
während ich die einzelnen Geschäfte abklapperte und gegen Quittung, die Inge
zum Glück eingesteckt hatte, alles wieder zurückgab.
Eine Woche später fing Inge an,
Plastiktüten zu sammeln. In jeder Ecke lagen diese Dinger. Kleine, große,
bunte, einfarbige in schwarz, weiß und grün.
»Wofür brauchst du die Tüten?«, fragte ich sie.
»Wofür?« Inge sah mich an, als hätte
ich den Verstand verloren. »Ja, weißt du denn nicht, dass die meisten Geschäfte
für Tüten Geld nehmen? Nein, das weißt du nicht, das kannst du auch gar nicht
wissen. Du kaufst ja nie ein. Du lässt dich von vorne bis hinten bedienen.
Kannst du mir nicht mal helfen? Kochen zum Beispiel? Andere Männer tun das
auch. Oh, ich hasse dieses Leben.« Sie brach in Tränen
aus.
Ich nahm sie in den Arm. »Wir haben
doch ein Abkommen, Ingelein«, sagte ich zärtlich. »Du
kümmerst dich um den Haushalt und ich um alle anderen Arbeiten, die am Haus
anfallen. Ich weiß, dass ich nicht kochen kann. Selbst ein Spiegelei wird bei
mir steinhart. Aber wenn du willst, melde ich mich bei einem Kochkurs in der
Volkshochschule an.«
»Werd nicht zynisch«, schrie sie und
entzog sich wütend meinen Händen. »Du mähst den Rasen, ja, du sorgst für unser
Kaminholz, auch richtig, du machst Reparaturen, wenn du es kannst, stimmt. Aber das genügt mir nicht.«
Ich ließ meine Hände sinken. »Was soll
ich denn noch tun?«
»Du ... du ... Ach, wenn du es nicht
selbst weißt, dann kann ich dir auch nicht helfen.«
Und mit einem weiteren Aufschluchzen
verließ sie das Zimmer. Ich starrte hinter ihr her und fragte mich, ob sie
Recht hatte. Natürlich kümmerte ich mich nicht um die täglichen Einkäufe. Ich
öffnete stets den Kühlschrank und nahm mir, worauf ich gerade Lust hatte. Aber
das war so, seit wir verheiratet waren, und nie hatte sich Inge beschwert. Von
den Nachbarn hatte ich mehrmals bestätigt bekommen, dass unser Haus seit meiner
Pensionierung so gut in Schuss war wie noch nie. Täglich werkelte ich draußen
herum. Nein, ich hatte mir nichts vorzuwerfen.
Kurz darauf wurde Inge noch launischer.
Sie hatte an nichts mehr Spaß und verschanzte sich stundenlang, um zu
telefonieren. An den Telefonrechnungen konnte ich sehen, mit wem sie sprach.
Meistens mit ihrer Mutter oder mit ihrer Freundin Barbara, die mir von je her
recht unsympathisch war und deshalb höchstens einmal im Jahr zu uns zu Besuch
kam. Sollte Inge doch mit ihr quatschen. Dann hatte sie wenigstens etwas zu
tun.
Natürlich genoss ich auch meine
Freizeit. Wenn ich mit meinen Arbeiten fertig war, ging ich spazieren und
spielte ein bisschen Boccia mit anderen Rentnern. Einige Male hatte ich meine
alte Dienststelle aufgesucht und mich für diesen oder jenen Fall interessiert,
aber es hätte zu viel Zeit und Mühe gekostet, sich ausführlich hineinzuknien.
Außerdem vermittelten mir meine ehemaligen Kollegen den Eindruck, dass ich sie
nur von der Arbeit abhielt.
Die Spannungen zu Hause wurden immer
größer. Inge schlief plötzlich bis zum späten Morgen, vernachlässigte den
Haushalt oder wenn sie ihren Rappel bekam, wischte sie von morgens bis abends
und fing immer wieder von vorne an.
Schließlich hielt ich es nicht mehr
aus. Ich setzte mich einfach in meinen Wagen und fuhr nach Züschen
in der vagen Hoffnung, dass Inge einige Tage des Alleinseins zur Vernunft
bringen würden. Willi und Sandra empfingen mich mit offenen Armen und boten mir
sofort an, so lange zu bleiben, wie ich wollte.
Noch
immer stützte ich mich am Waschbecken ab. Meine Magenschmerzen kamen zurück.
Immer wenn ich Stress hatte, fingen die Schmerzen an. Seit einem halben Jahr
hatte ich diese Probleme. Als der Arzt mir gesagt hatte, dass ich mein Leben
lang Tabletten gegen meine Refluxbeschwerden nehmen
müsste, war ich noch nicht beunruhigt gewesen. Erst als er mir eine
Magenspiegelung vorschlug, geriet ich in Panik. Zwei Wochen konnte ich kaum
schlafen vor Angst, dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, ging zu einem Gastroenterologen und ließ die Prozedur über mich ergehen.
Natürlich mit zwei Spritzen, die mich allerdings entgegen seiner Worte kaum
benebelten. Eine halbe Stunde später war alles vorbei. Zum Glück hatte ich
keine ernsthafte Erkrankung, und mit den Tabletten konnte ich leben.
Ich schüttete mir ein Glas Wasser ein
und schluckte eine Nexium. Danach rasierte ich mich,
duschte schnell und zog mich an. Dabei dachte ich an Gabi Rensenbrink.
Ich hatte in den letzten vier Tagen dreimal versucht, meine ehemalige
Schulfreundin anzurufen, aber niemand hatte den Hörer abgenommen. Nicht, dass
ich mir Sorgen um Gabi machte, sie lebte allein und konnte tun und lassen, was
sie wollte, aber ich hätte gern mit ihr geplaudert. Zweimal hatte ich sogar bei
ihr geläutet, sie aber nicht angetroffen.
Seit dem vergangenen Mai, als ich
zuletzt in Züschen gewesen war, hatte ich von
Bielefeld aus ein paar Mal mit Gabi telefoniert. Ich hatte mich bei ihr
entschuldigt, weil ich mich vor einem Jahr ohne Verabschiedung fast heimlich
aus Züschen fortgeschlichen
hatte. Sie war mir nicht böse, sie beharrte nur auf einer Entschädigung.
»Ich lade dich zu einem Essen ein,
sobald ich wieder nach Züschen komme«, hatte ich ihr
versprochen.
»Und wann wird das sein?«
»Bald. Ganz sicher im Winter, wenn
Schnee liegt.«
Aber daraus wurde natürlich nichts,
denn genau zu Beginn der dunklen Jahreszeit begann Inges merkwürdiges
Verhalten. Mir war schnell klar, dass sie unter Depressionen litt, aber sie war
nicht zu bewegen, zu einem Arzt zu gehen.
Im nächsten Jahr würden Inge und ich
dreißig Jahre verheiratet sein. Dreißig Jahre! Wie schnell die Zeit vergeht.
Wir hatten doch gemeinsam so viele schöne Jahre erlebt. War denn alles auf
einmal, wie mit einem Radiergummi ausradiert und vorbei? Unsere Ehe plätscherte
nur noch vor sich hin. Eine Umarmung lehnte Inge schon lange ab. Ich konnte
mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mit ihr geschlafen hatte. Aber die
Frage blieb: Hatte ich mich auch verändert oder lag es nur an Inge? Es gab
immer zwei Seiten der Medaille. Vielleicht hatte ich Inge wirklich zu sehr
vernachlässigt.
Plötzlich merkte ich mit erschreckender
Deutlichkeit, wie einsam Inge und ich waren. Ich fasste einen Entschluss und
griff zu meinem Handy. Ich benutzte stets mein Handy, wenn ich telefonierte,
niemals Willis Anschluss, obwohl er es mir mehrmals angeboten hatte.
Mein Sohn Jan war am Apparat.
»Hallo Dad.«
Er sagte immer Dad
zu mir, das sei cooler als Papa oder Vater. Alter sagte er nie. Dazu hatte er
wohl doch ein bisschen viel Respekt vor seinem Erzeuger.
»Ist Mama in der Nähe?«
»Sie ist bei Oma, glaube ich.«
Wo sonst?,
dachte ich. »Glaubst du nur? Oder weißt du es?«
»Nein. Sie spricht kein Wort, seit du
weg bist. Bist du in Züschen?«
»Ja.«
»Das dachte ich mir. Wie lange bleibst
du noch?«
»Ich wollte deiner Mutter sagen, dass
ich morgen zurückkomme.«
»Das ist prima.«
»Ist was?«
Er zögerte. »Nein. Ich meine nur, dass
ihr euch aussprechen solltet. So geht das nicht weiter, Dad.«
»Deswegen komme ich morgen zurück.«
»Ich freue mich.«
»Sagst du es Mama?«
»Wenn ich sie sehe, ja.«
Wir beendeten das Gespräch. Ich atmete
tief ein. Jetzt fühlte ich mich doch besser. Es war richtig gewesen, den ersten
Schritt zu tun.
Der Regen schlug plötzlich laut gegen
die Scheibe. Schnee vermischte sich mit den Regentropfen und rann langsam an
der Scheibe herunter. Es würde kein Tag werden, um spazieren zu gehen.
Vielleicht sollte ich sogar schon heute meine Zelte in Züschen
abbrechen.
In den vergangen Tagen war ich viel
gewandert, hatte mir den Wind und den Regen um die Nase wehen lassen und die
würzige Waldluft wie ein nach Atemnot ringender Schwimmer eingesogen.
Meistens führte mich der Weg am alten Bahnhof und jetzigen Reisebüro Papenberg
vorbei über die ehemalige Eisenbahnstrecke hinauf in den Teil der Berge, den
die Züschener »Täler« nannten. Hier war früher einmal
eine riesige Müllkippe gewesen, mit Ratten und sogar Schlangen. Jeder aus dem
Dorf kippte seinen Müll einfach in das Loch. Als die ersten Rufe nach
Umweltschutz auftauchten, wurden zunächst Schilder mit »Schuttabladen verboten«
aufgestellt, an die sich aber keiner hielt. Erst Anfang der achtziger Jahre
wurden Tonnen von Bruchsteinen aus stillgelegten Steinbrüchen mit Lastwagen
herangekarrt, bis das Loch zugeschüttet war. Anschließend deckte man die Steine
mit überschüssigem Mutterboden, der von verschiedenen Baustellen geholt wurde,
zu. Jetzt war die ehemalige Müllkippe mit Moos bewachsen.
Über den Strang ging ich dann weiter am
Hackelberg vorbei bis zum Homberg.
Vogelschwärme schwirrten am Himmel und ließen sich auch nicht durch die grauen
Wolkenbänke beirren, die den Frühling hinauszögerten. Aus vereinzelten Bäumen
am Wegrand wurde mitunter dichter Forst, und dann flankierten haushohe Tannen
den unebenen Weg. Einmal passierte ich zwei Scheunen an der Ahre.
Die erste war schon immer klein und mit einem schäbigen Flachdach, die zweite
dagegen ein Prachtstück aus dunklen, dicken und mit Schutzmittel getränktem
Bohlenholz gewesen, an deren Fassade der Zahn der Zeit genagt hatte.
Ich verließ mein Zimmer und ging
hinunter in die Küche. Willi stand am Spülbecken und wusch das
Frühstücksgeschirr ab.
Diese Tätigkeit und der Kuss, mit dem
er Sandra soeben verabschiedet hatte, sowie andere Kleinigkeiten des täglichen
Zusammenlebens, wie das Einschütten des Kaffees nach dem Mittagessen, das
Helfen in die Jacke oder in den Mantel und eine spontane Umarmung, wenn einer
von beiden einen schlechten Tag gehabt hatte, zeigten immer wieder ihre große
Zuneigung.
»Morgen, Johannes«, sagte Willi,
während er die beiden Tassen in den Schrank stellte. Er hatte schon die
Polizeiuniform an. Seine krausen Haare hingen ihm etwas wirr in die Stirn, sein
Gesicht war blasser als gewöhnlich. »Ich bin gleich fertig. Kaffee ist in der
Kanne, Brötchen und Brot im Korb.«
Das Gedeck stand auf meinem Platz.
Weißblaue Tasse, passende Teller, blitzendes Besteck und ein gekochtes Ei. Es
sah einfach appetitlich aus.
»Ich werde heute abreisen, Willi.«
Er war gar nicht überrascht, sondern
nickte nur.
Ich hatte es geahnt. Viel zu lange schon
war ich den beiden auf die Nerven gegangen. Es wurde wirklich Zeit, sie allein
zu lassen.
»Hast du auch Tee im Haus?«
Willi sah mich überrascht an. Eine
kleine Falte erschien über seiner Nase. »Tee? Geht’s dir nicht gut? Ich
hab Alka-Seltzer. Hilft immer gegen Kater.«
»Ich hab keinen Kater«, knurrte ich.
»Nur ein bisschen Magenschmerzen.«
Willi setzte sich an den Tisch und
zeigte mit dem Daumen über die Schulter, ohne sich umzudrehen. »Tee müsste im
Schrank sein. Bedien dich, Johannes. Du bist ja hier zu Hause.«
Sie hatten mehrere Sorten da.
Früchtetee, Kamillentee, Pfefferminztee und Grünen Tee. Ich entschied mich für
Früchtetee.
Danach setzte ich mich neben Willi. Er
hatte einen beschriebenen Bogen Papier ergriffen.
»Was ist los?«,
fragte ich, während ich an dem heißen Tee nippte.
Er seufzte. »Wir haben in letzter Zeit
so viele Einbrüche hier in der Gegend. In den letzten zwei Wochen allein vier
neue.«
Ich nahm mir ein
Brötchen aus dem Korb. »Das ist in der Tat eine Menge. Alle in Winterberg?«
Einbrüche und Diebstähle hatte es zu meiner Zeit in Bielefeld in Massen
gegeben.
»Zwei in Winterberg, einer in Züschen, einer in Astenberg«,
antwortete Willi.
»Und ihr habt keine Vermutung?«
»Doch, aber keine konkreten Beweise.
Seit Jahren haben wir Stress mit einer einzigen Gruppe in Winterberg. Es sind
etwa sieben bis zehn Jungen und Mädchen zwischen vierzehn und zwanzig Jahren,
ohne Schulabschluss, ohne Arbeit und aus schwierigen Familienverhältnissen. Sie
lungern den ganzen Tag in der Stadt herum und wissen nicht, wo sie sich
aufhalten können. Meistens sammeln sie sich auf dem Marktplatz, trinken Alcopops und fangen an zu stänkern. Es ist möglich, dass
aus dieser Gruppe die Einbrecher stammen, aber bisher konnten wir es noch
keinem nachweisen. In den nächsten Tagen fahren wir verstärkt Streife.
Vielleicht hilft uns das weiter.«
Danach schwiegen wir uns beide an.
Willi war mit Leib und Seele Polizist. Er hätte es gut bis zum Kommissar
schaffen können, aber der Streifendienst in Winterberg und Umgebung genügte
ihm.
Das Läuten des Telefons auf der Eckbank
drang störend in unser Schweigen. Willi stand auf und nahm den Hörer ab.
»Siggi, du? Ich bin schon fast
unterwegs. Was? Wo? Scheiße, verdammt. Ich komme sofort.«
Willi knallte den Hörer auf die Gabel,
riss seine Mütze von der Garderobe und stürmte zur Tür.
»Was ist los?«,
rief ich hinter ihm her.
Willi hatte schon die Klinke erfasst,
als er sich umdrehte und mich mit schräg gestelltem Kopf ansah. »Eigentlich
dürfte ich es dir nicht sagen, Johannes, aber so wie ich dich kenne, wirst du
sowieso keine Ruhe geben. Es ist ein Mord passiert. Auf der Hardt. Komm mit!
Ich glaube, deine Abreise solltest du verschieben. Vielleicht gibt es eine
Aufgabe für dich.«
Wir
nahmen Willis Streifenwagen. Bis zur Hardt waren es höchstens zwei Kilometer,
dennoch schaltete Willi das Martinshorn ein, sodass wir freie Fahrt hatten. Ein
paar Neugierige blieben am Straßenrand stehen und sahen uns hinterher, als wir
von der Hauptstraße in die leicht ansteigende Schützenstraße fuhren. Ich konnte
mir gut vorstellen, wie sie jetzt die Köpfe zusammensteckten und aufgeregt
tuschelten.
Kurz vor der Abzweigung zur
Schützenhalle trat Willi auf die Bremse, bog nach links in einen kleinen
Fahrweg ein und ließ den Wagen vor dem Eingang eines flachen Gebäudes
ausrollen. Ich schätzte das Gebäude auf fünfzehn mal zwanzig Meter. Die glatten
Mauern der Außenwände waren mit weißer Farbe gestrichen, die etwa drei Meter
breite Eingangstür dunkelgrau. Über der Tür hing ein riesiges Schild.
Robert Rohloff
Etwas tiefer stand noch das Wort
»Spielwaren«.
»Ist das unser Rohloff?«, fragte ich perplex. »Der Bauer?«
Willi nickte. »Vor ungefähr
fünfundzwanzig Jahren brannte seine Scheune an der Ahre
ab. Ein Blitzeinschlag. Die Rohloffs hatten damals
drei Viertel ihres Viehbestandes in der Scheune untergebracht. Fast alle Tiere
verendeten kläglich. Aber die beiden Rohloffs hatten
eine gute Versicherung. Von dem Geld sollen sie sich die Spielwarenfirma
gekauft haben. Bis zum letzten Oktober war sie in Brilon, dann hat Robert Rohloff sie nach Züschen verlegt.«
Ich hatte von dem Brand gehört, die
Geschichte damals in Bielefeld aber nicht weiter verfolgt. Robert Rohloff war sechs Jahre, sein Bruder Paul vier Jahre älter
als ich. Robert war immer stolz gewesen, – ich würde eher sagen
eingebildet – wenn sein Vater im Herbst ihre Ernte präsentierte. Als
einziger Bauer Züschens fuhr Gustav Rohloff mit seinen Söhnen zu allen Wochenmärkten der
Umgebung. Aber Preisschilder mit Slogans wie »Das Beste aus dem Sauerland« oder
»Bauernhof dann Rohloff«, und »Dick, dicker am
Dicksten« sowie »Enttäuscht? Dann kauft hier!«
hafteten ihm schnell den Ruf der Arroganz an und brachten der Familie nicht
viele Freunde. Robert Rohloff zählte ich schon früh
zu der Kategorie Menschen, mit denen ich niemals engeren Kontakt haben wollte.
Sein Bruder Paul dagegen war zugänglicher gewesen und hatte oft mit uns
gespielt.
Jetzt hielt ich vergeblich nach einem
Slogan Ausschau. Allerdings war Rohloffs Name in
besonderer Weise auf die Wand gepinselt worden. Die beiden identischen
Anfangsbuchstaben sahen aus wie eine dreidimensionale Schattenschrift und waren
nur minimal voneinander getrennt. Die restlichen Buchstaben des Vornamens
verliefen nach rechts oben, die des Nachnamens nach unten ab. Das Ganze sah wie
ein Dreieck aus.
Zwei weitere Polizeiwagen standen auf
dem Parkplatz, sowie ein Geländewagen mit dem unverkennbaren Arztzeichen auf
der Scheibe. Willi hielt direkt daneben. Seit Siggis Anruf waren erst zehn
Minuten vergangen, dennoch hatten sich etwa fünfzehn Personen vor der Firma
eingefunden.
»Die Arbeiterinnen«, sagte Willi. »Sie
sind alle bei Rohloff beschäftigt. Und natürlich
Gaffer.«
Wir stiegen aus. Ein Polizist redete
auf die Leute ein und bat alle, die nicht bei der Firma Rohloff
beschäftigt waren, nach Hause zu gehen und die Arbeit der Polizei nicht zu
behindern. Aber niemand hielt sich daran.
In einem Halbkreis um den Eingang
entdeckte ich die Absperrung aus gestreiftem Plastikband. Ohne dies und ohne
die Polizeiwagen wäre niemand auf die Idee gekommen, dass hier etwas Schlimmes
passiert sein könnte.
Während Willi ins Gebäude hineinlief,
wandte ich mich an die Frauen. Ich kannte niemanden von ihnen. Die meisten
waren zu jung, um mir bekannt zu sein, die anderen hatten wohl nach Züschen eingeheiratet oder wohnten in den umliegenden
Dörfern.
»Wissen Sie, was passiert ist?« Ich nickte mit dem Kopf in Richtung der Eingangstür.
Eine der Frauen sah mich kurz an. Sie
war ungefähr in meinem Alter, mit grauen Haaren und einer fülligen Figur.
»Es sagt uns keiner was«, maulte sie.
»Wir sollen draußen bleiben, um keine Spuren zu verwischen, hat einer der
Polizisten gesagt.«
»Wie lange stehen Sie denn schon hier?«
»Na, fast eine halbe Stunde.«
»Nun übertreib nicht, Brunhilde«, warf
eine Jüngere ein. »Es sind höchstens zehn Minuten.«
Ich ging auf den Eingang zu. Der
Polizist, der für Ordnung sorgte, stellte sich mir in den Weg.
»Mein Name ist Johannes Falke«, sagte
ich zu ihm. »Ich bin ein ehemaliger Kriminalkommissar. Vielleicht kann ich
helfen. Lassen Sie mich bitte hinein.«
Er hob erstaunt die Augenbrauen. »Ich
hab schon von Ihnen gehört, Herr Falke. Bitte.«
Er trat zur Seite.
In der Diele der Firma Rohloff blieb ich stehen. Die Tür zum Raum, der sich dem
Eingang direkt gegenüber befand, stand weit offen. Und dort sah ich Willi und
seinen Kollegen Siggi. Im letzten Jahr hatte er uns bei der Aufklärung des
Mordes an Ruth Bodeck große Dienste erwiesen. Ich freute mich, dass er noch
zusammen mit Willi Streife fuhr. Siggi musste mich gehört haben, denn er drehte
sich um. Als er mich erkannte, glitt ganz kurz ein Lächeln über seine Lippen,
dann war er wieder ernst.
»Herr Falke«, sagte er bedächtig.
Auf dem Boden vor den beiden lag ein
Mann. Die Arme und Beine hatte er seltsam verwinkelt. In der rechten Hand, die
zur Faust zusammengeballt war, hielt er einen Schraubenzieher. Sein Haar
schimmerte rötlich, aber das konnte auch von der Blutlache stammen, die sich
unter ihm ausgebreitet hatte und die von der Wunde in seinem Rücken stammte.
Eine Schere steckte mit einer Klinge bis zum Schaft genau unter dem
Schulterblatt im Körper des Toten.
»Das ist Kurt Lamberg«,
sagte Willi. »Er ist – pardon – war der Lagerarbeiter der Firma Rohloff.«
Ich ging in die Knie, sorgsam darauf
bedacht, nichts zu berühren. Der Tote war Anfang Dreißig, nicht sehr groß,
vielleicht einssiebzig, mit ausgeprägten Muskeln an
den Oberarmen, die auf anstrengende körperliche Arbeit hindeuteten.
»Sehen Sie sich das hier an.«
Siggi deutete auf einen daumendicken,
etwa einen Meter langen Stock, der neben Lamberg auf
dem Boden lag. Das eine Ende war blutverschmiert.
»Es gibt eine ganze Menge von diesen
Stöcken hier«, erklärte Siggi. »Es sind kräftige, stabile Holzstäbe, fast
unzerbrechlich. Dort oben.« Er streckte den Arm aus. In etwa zwei Metern Höhe
war ein langes Bohlenbrett mit Dübeln an der Wand befestigt. Darauf lagen die
Holzstäbe wild durcheinander. »Der Arzt meint, dass jemand Lamberg
erst mit dem Stock niedergeschlagen und dann erstochen hat.«
Ich stand auf und betrachtete das
Bohlenbrett, auf dem die Holzstäbe lagen. Sie waren weder festgebunden noch
anderweitig abgesichert, aber selbst wenn von dort ein Stab auf Kurt Lamberg gefallen wäre, hätte er sich höchstens eine Beule
geholt.
Der Arzt hatte Recht. Irgendjemand
hatte den Stock ergriffen und mit ungeheurer Wucht auf den Lagerarbeiter
eingeschlagen.
Aber noch etwas anderes fesselte meine
Aufmerksamkeit. Direkt neben dem Bohlenbrett befanden sich zwei Fenster. Die
Scheiben bestanden aus Milchglas. Ein Fenster war eingeschlagen worden, und die
Scherben lagen auf dem steinigen Fensterabsatz.
Willi bemerkte meinen Blick. »Der
Versuch eines Einbruchs.«
»Versuch?«
Er nickte. »Das Loch ist so groß wie
ein Fußball. Da wollte jemand einsteigen, aber wenn du mich fragst, dann passt
da keiner durch. Siggi hat draußen zwar Fußabdrücke entdeckt, aber im weichen
Boden sind sie fast völlig unbrauchbar.«
»Wo ist denn der Arzt?«,
fragte ich.
»Im Büro«, antwortete Siggi. »Bei der
Büroangestellten Eleonore Block. Sie hat den Toten gefunden. Der Arzt meinte,
hier könne er nichts mehr machen, Frau Block brauche jetzt seine Hilfe nötiger.«
Ich sah mich um. Der Raum war etwa fünf mal sieben Meter groß. Nicht nur an den Wänden, auch
auf der Erde stapelten sich Kartons von circa einem Meter Länge und zwanzig
Zentimetern Breite. Einige waren zugeklebt, aber die meisten waren leer. Zwei
Sackkarren standen hinter der Tür. Links von uns befand sich ein stabiler
Holztisch, auf dem verschiedene Plastikfolien lagen, Schneidegeräte und mehrere
Rollen Klebeband. Eine dünne Blutspur führte an der Seite des Holztisches hinab
bis zu dem Toten. Kurt Lamberg musste tödlich
verletzt an dem Tisch heruntergerutscht sein.
Ich beugte mich über den Tisch.
Unzählige Striche mit Kugelschreiber, Blei- oder Filzstift bedeckten die
Platte, die einstmals abgerundeten Kanten waren tief eingeritzt, vermutlich
teils absichtlich, teils aus Versehen. In einigen Kerben klebte Blut.
»Wir sollten den Raum jetzt besser
verlassen«, sagte ich. »Wann wird die Mordkommission hier sein?«
Willi sah auf seine Uhr. »In zwei
Stunden schätze ich – wenn sie gut durch den Verkehr kommen. Jetzt könnte
man eine durchgängige Autobahn gebrauchen. Aber die A 46 zeichnet sich ja nur
durch ihre Stückelung aus.«
»Wie meinst du das?«
Ich war diese Strecke noch nie gefahren.
»Sie fängt in
Hagen an, hört kurz hinter Iserlohn auf, und führt dann weiter von Arnsberg bis
Meschede. Da ist endgültig Schluss. Normalerweise braucht man knapp zwei
Stunden von Dortmund bis nach Züschen, wenn man ab
Meschede zügig durch die Dörfer kommt, und das ist selten.«
»Dann wollen wir für heute das Beste
hoffen.«
Wir verließen den Raum. Siggi schloss
sorgfältig hinter uns ab. Den Toten mussten wir leider so liegen lassen, bis
die Mordkommission erschienen war.
In der Diele blieb ich stehen. »Ich seh mich im Büro mal um.«
»Gut«, nickte Willi und ging mit Siggi
hinaus.
Langsam drückte ich die Klinke der
Bürotür herunter. Vor mir lag ein moderner, heller Raum, mit großen Fenstern
auf der gegenüberliegenden Seite. Vier Schreibtische standen mit ihren Rücken
aneinander gestellt mitten im Raum und bildeten ein Viereck. Ihre Unterschränke
waren in mattgelber Farbe, die Arbeitsplatten dunkelbraun und vorn abgerundet.
Links davon, etwa einen Meter entfernt, befand sich noch ein weiterer
Schreibtisch. Er war größer als die vier in der Mitte, und zwei Bürosessel
waren ganz eng an die Tischplatte geschoben. Mit der rechten Kante der
Arbeitsfläche berührte er fast den Fensterrahmen. Alle Stühle waren aus
schwarzem Kunstleder.
Ein leises Seufzen ließ mich
aufhorchen. Hinter der geöffneten Bürotür gab es einen Rundbogen mit einer
Nische. Dort standen ein kleiner Tisch und drei ebenfalls schwarze Sessel. Eine
Garderobe, an der zwei Jacken hingen, befand sich an der Wand neben den
Toiletten.
Die Frau, die auf dem Sessel vor der
Garderobe mehr lag als saß, musste Eleonore Block sein. Sie sah aus wie
sechzig. Ihr Gesicht war eingefallen, ihre Augen ohne jeden Glanz. Sie atmete
schwer ein und aus, und ihre Füße ruhten auf einem beigen
Hocker.
Neben ihr hockte der Arzt. Er war
gerade dabei, der Frau den Blutdruck zu messen. Ich wartete, bis er damit
fertig war, und stellte mich vor.
»Dr. Rohleder«, antwortete er. Sein
Gesicht wirkte angespannt und übermüdet, die Augen glänzten wässrig, und der
Bart spross. So stellte ich mir einen Mediziner vor, der eine anstrengende und
durchwachte Nacht hinter sich hatte.
»Wie geht es ihr?«
»Schlecht«, antwortete Rohleder. Da die
Polizei mich herein gelassen hatte, nahm er wohl an, dass ich in offizieller
Mission gekommen war, und gab mir bereitwillig Auskunft. »Sie ist traumatisiert, stand kurz vor einem
Kreislaufzusammenbruch, aber sie will nicht ins Krankenhaus. Ich hab Frau Block
eine Spritze gegeben.« Er packte das
Blutdruckmessgerät ein und stand auf. »Ich geh dann jetzt. Wenn noch Fragen
sind, dann soll man in meiner Praxis anrufen.«
»Danke«, erwiderte ich.
Während der Arzt das Büro verließ,
wurde die Tür der Herrentoilette von innen geöffnet. Ein junger Mann von Ende
Zwanzig mit dunkelblonden, krausen Haaren, die ihm bis in den Nacken gingen,
trat heraus. Eine schmale Brille saß auf der Nase seines markanten Gesichts.
Seine Figur war schlank, aber nicht mager. Er trug ein schwarzes Sweatshirt
über einem hellblauen Hemd und Jeans. Ein goldener Siegelring steckte an seinem
linken kleinen Finger, und um seinen Hals baumelte eine mit silbernen Steinen
verzierte Kette. Ob der Ring und die Kette echt waren, konnte ich nicht sagen,
denn von Schmuck habe ich keine Ahnung.
»Hallo«, sagte er leise zu mir, während
mich seine hellen Augen prüfend und ein wenig misstrauisch ansahen. »Sind Sie
von der Polizei?«
»Mein Name ist Johannes Falke. Ich war
Kommissar in Bielefeld und zufällig bei Herrn Kaiser, als der Anruf seines Kollegen
kam, dass hier ein Mord passiert ist. Solange die Mordkommission noch nicht
hier ist, kümmere ich mich um den Fall.«
Diese Erklärung schien ihm zu genügen.
»Ich bin Frank Bräuer. Ich arbeite hier als
Bürokaufmann. Frau Block ist meine Kollegin.« Er
lächelte verlegen und legte seine rechte Hand auf den Bauch. »Ich war auf dem
Klo. Das Ganze ist mir doch sehr auf den Magen geschlagen.«
Frank Bräuer
setzte sich auf den Stuhl neben Eleonore Block. »Wenn ich Sie störe«, sagte er
zu mir, »dann gehe ich hinaus.«
Ich winkte ab. Schließlich hatte ich
nicht das Recht, Ansprüche zu stellen. Wer war ich denn? Doch nur ein
pensionierter Kriminalkommissar, der gerade dabei war, sich wieder einmal
unerlaubt in einen Mordfall einzumischen.
Die Frau auf dem Sessel sah wirklich
schlecht aus. »Vielleicht ist es doch besser, wir bringen Sie ins Krankenhaus.
Nur zur Sicherheit.«
»Nein«, rief sie hastig. »Ich –
ich will hier bleiben. Mit mir ist alles in Ordnung.«
Ihr Aussehen strafte ihre Worte
allerdings Lügen.
»Es ist nur das erste Mal, dass ich
einen Toten gesehen habe, und dann noch das viele Blut ...« Sie schüttelte
sich.
»Willst du was trinken?«, fragte Bräuer.
»Ja, meinen Kamillentee. Der reicht.« Sie deutete auf ihre Tasche. »Ich habe immer heißes
Wasser dabei. Der Wasserkocher hier ist doch total verkalkt.«
Sie flüsterte, als ob noch jemand mithören könnte. »Ich ekele mich davor.
Deshalb bringe ich mir mein eigenes Wasser mit.«
Bräuer stand
auf und suchte nach einer Tasse.
»Im obersten Regal«, sagte Eleonore
Block.
Es war eine große Tasse, verziert mit
dem bizarren Motiv eines dreiköpfigen Drachen, der rotes Feuer ausspie. Bräuer stellte die Tasse auf den Tisch, holte Frau Blocks
Thermoskanne aus ihrer Tasche, schüttete das heiße Wasser in die Tasse und zog
einen Beutel Kamillentee aus einer Packung. Dann legte er ihn in das heiße
Wasser. Augenblicklich stieg unangenehmer Geruch in meine Nase. Jetzt wurde mir
fast übel. Alles konnte ich riechen, Blut, Fäkalien, nicht aber Kamillentee
– obwohl er für meine Magenbeschwerden ideal gewesen wäre.
Ich unterdrückte meine Übelkeit. Nach
einigen Minuten, in denen ich Eleonore Block schweigend beobachtet hatte,
fragte ich sie: »Wenn Sie sich jetzt besser fühlen, könnten Sie mir dann ein paar
Fragen beantworten, Frau Block?«
Sie hob den Kopf und schaute mich
überrascht an. »Dürfen Sie mich denn fragen? Ich meine, Sie sind doch nicht der
Kommissar.«
»Da haben Sie Recht«, sagte ich. »Sehen
Sie, bis die Mordkommission eintrifft, wird es noch einige Zeit dauern. Bis
dahin haben Sie vielleicht etwas vergessen. Nicht absichtlich«, fügte ich
schnell hinzu. »Aber die meisten Menschen wollen ein Gewaltverbrechen schnell
verdrängen, und dann gehen wichtige Details verloren, als wären sie niemals vorhanden
gewesen. Verstehen Sie?«
Sie nickte schwach. »Wenn das so ist.
Aber sagen Sie bitte Ello zu mir. Das ist das
Einzige, was mir an meinem Namen gefällt.«
»In Ordnung. Ich mache mir ein paar
Notizen und werde nachher alles dem Kommissar übergeben. Einverstanden?«
Sie wollte erneut nicken, aber
gleichzeitig schossen Schweißperlen auf ihre Stirn. Sie wurde blass, und dann
übergab sie sich. Frank Bräuer riss reaktionsschnell
einen Papierkorb heran, sodass sich das meiste Erbrochene nicht auf den Boden
ergoss.
»Ach, du Scheiße«, fluchte er leise.
Dann hielt er Ellos Kopf fest.
Die Gelegenheit, von ihr etwas zu
erfahren, war vorbei. Sie atmete stoßweise, stöhnte leise und wimmerte dabei.
Während Frank Bräuer
versuchte, ihr schlückchenweise Tee einzuflößen, sah
ich mich jetzt im Büro genauer um. An der rechten Wand befand sich ein großes
Aquarium mit silbern glänzenden kleinen und größeren Fischen und ein paar
Wasserpflanzen. Auf den Schreibtischen standen Flachbildmonitore, zwei Drucker
und ein Kopierer. Die dazugehörenden Computer befanden sich auf dem Fußboden.
Außer den Monitoren und der Tastatur lagen die üblichen Büroutensilien auf den
Tischen. Schreibunterlagen, Taschenrechner, Telefonverzeichnisse, Disketten und
CD-Boxen zum Speichern wichtiger Daten, Locher, Tesafilm, eine Box mit
unzähligen verschiedenen Kugelschreibern und Leuchtstiften, mehrere Notizblöcke
und ein großer Monatskalender.
Das alles registrierte ich nur
flüchtig, weil mein Blick auf dem Foto neben einem der Monitore haften blieb. Es
zeigte ein schönes Mädchen, mit brünettem Haar und weichen Gesichtszügen. »In
inniger Liebe, Yvonne«, hatte jemand in schwungvoller Schrift darunter
gekritzelt.
»Meine Freundin«, erklärte Frank Bräuer in meinem Rücken. »Yvonne Harlinger.«
Ello seufzte laut.
Wir drehten uns schnell nach ihr um. Bräuer ergriff
wieder den Papierkorb. Aber es war nicht nötig. Ello
hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig. Bräuer stellte den Korb ab. Es stank entsetzlich nach
Erbrochenem und Kamillentee. Ich ging zur Tür, weil ich hier raus musste.
»Warten Sie!« Bräuer sah mich hilfesuchend an.
»Ich müsste den Chef verständigen. Herr Rohloff liegt
im Krankenhaus. Seit Freitag schon. Nur eine Routineuntersuchung hat er gesagt,
aber sie haben ihn aufgrund einer Kreislaufschwäche ein paar Tage da behalten.
Ich wollte ihn anrufen, aber dann fiel mir ein, dass es vielleicht nicht gut
ist für seine Gesundheit, wenn er es am Telefon erfährt. Ich würde jetzt gern
ins Krankenhaus fahren.«
Ich dachte kurz nach.
»In Ordnung. Ich komme mit Ihnen. Wir
schicken eine der Frauen herein, damit sie sich um Frau Block kümmern kann.«
Die Gelegenheit, Bräuer
unterwegs einige Fragen zu stellen und dabei zu sein, wenn Robert Rohloff von dem Mord an Kurt Lamberg
erfährt, wollte ich mir nicht entgehen lassen.
2
Wir
stiegen in einen Opel Astra älteren Baujahres ein. Ich hatte erwartet, dass
mindestens zwei Mercedes-Benz und ein BMW in der Garage der Firma Rohloff stehen würden, aber außer dem Astra und einem etwas
neueren VW-Bully gab es dort keine weiteren
Fahrzeuge.
»Kann sich Rohloff
keine besseren Wagen leisten?«, fragte ich Frank Bräuer, als wir die Schützenstraße hinunter zur Hauptstraße
fuhren.
»Natürlich könnte er das, aber er will
nicht.«
»Wieso?«
»Er meint immer, das äußere
Erscheinungsbild würde Gauner anlocken. Und davor hat er Angst. Jetzt hat es
ihn doch erwischt.«
»Schadenfroh?«
Bräuer
schüttelte den Kopf. »Nein, ganz gewiss nicht. Es tut mir Leid für Kurt, für Rohloff, für seine Firma. Privat fährt er natürlich einen
7er BMW.«
Er ließ einen silbergrauen Volvo auf
der Hauptstraße vorbei und lenkte dann den Astra in Richtung Winterberg. Seine
Hände lagen fest am Lenkrad.
»Sie sind nicht aus Züschen?«, fragte ich, als wir das Ortsausgangsschild passierten.
»Der Name Bräuer ist kein geläufiger Züschener Name.«
Er lachte leise. »Das mag sein, aber
ich bin ein waschechter Züschener. Meine Mutter
stammt aus dem Haus Harkelkopf. Maria Bartels hieß
sie mit Mädchennamen. Sie lernte meinen Vater Franz-Josef Bräuer
in Willingen kennen. Die beiden heirateten und zogen
hierher. Sie wollten mich auch zuerst Franz-Josef nennen, haben sich dann aber
Gott sei Dank für Frank entschieden.«
Die Bartels hatte ich gekannt. Sie
hatten vier Töchter und einen Sohn im regelmäßigen Abstand von zwei Jahren
bekommen. Die Mädchen gingen alle zur Volksschule bis zur achten Klasse, der
Junge besuchte die Realschule, aber mit solch mäßigem Erfolg, dass er bald
zurück zur Volksschule musste. Ich wusste nicht mal, wie er hieß.
»Sie wohnen bei Ihren Eltern?«
»Nein, ich lebe allein. Mein Vater war
Schweißer in Frankenberg – in Hessen«, fügte er erklärend hinzu.
»Ich kenne Frankenberg«, sagte ich.
Frankenberg lag eine gute halbe Stunde Autofahrt von Züschen
entfernt. Früher fuhren viele Schüler nach Frankenberg zur Handelsschule oder
zum dortigen Gymnasium, weil es in Hessen im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen
bereits damals Schulbuchfreiheit gab.
»Mein Vater arbeitete bei der Firma
Thoras. Sanitäranlagen, Heizungen und so weiter«, sagte Bräuer.
»Fast neun Jahre fuhr er täglich von Willingen nach
Frankenberg. Es war eine Himmelfahrt. Dann lernte er meine Mutter kennen und
zog mit ihr nach Züschen. Von hier brauchte er nur
noch knapp eine halbe Stunde bis zu seiner Arbeit. Eine ungeheure Einsparung,
trotzdem musste er jeden Tag um fünf aufstehen. Vor sieben oder acht Jahren
meldete Thoras Konkurs an. Seitdem war mein Vater arbeitslos. Ein paar Monate
ging es gut, bis das Erbe aus dem Verkauf seines Elternhauses aufgebraucht war.«
Bräuers Stimme
war abgefallen. Auf der zweispurigen Straße in Höhe der Dauber
Mühle scherte Bräuer aus, überholte einen langsam
fahrenden Fiat, bevor er sich wieder in die rechte Spur einfädelte.
»Was ist dann passiert?«, fragte ich leise.
Bräuer atmete
tief ein und stieß die Luft aus. »Mein Vater erlitt einen Herzinfarkt. Eines
Morgens lag er neben meiner Mutter tot im Bett. Wir vermuten, dass er aus Gram
gestorben ist.«
»Das tut mir sehr Leid.«
»Es ist sechs Jahre her. Wissen Sie,
manchmal kommt es mir vor, als sei es erst gestern gewesen.«
Eine Zeit lang fuhren wir schweigend
weiter. Bräuer konzentrierte sich auf die
Straßenverhältnisse und auf die engen Kurven, in denen noch immer Schneereste
lagen. An einigen Stellen glitzerte es sogar gefährlich glatt. Vielleicht kam
das Blinken aber auch von dem Ring an Bräuers Finger,
wenn ein paar Sonnenstrahlen durch die grauen Wolken brachen.
»Vater hat immer gesagt, Junge lern was
Anständiges, werde kein Malocher wie ich«, fuhr Bräuer
fort. »Jeden Tag im Blaumann, das ist doch kein Leben. Ihm taten abends die
Knochen weh, und morgens konnte er kaum aufstehen vor Schmerzen. Ich sei nicht
dumm, meinte er, ich könnte doch auf eine weiterführende Schule gehen. Das
schaffen wir schon, hat er gesagt. Das kriegen wir hin. Er meinte das
finanziell. Deshalb war er auch einverstanden, als das Haus meines Großvaters
verkauft wurde.«
Bräuer
bremste leicht ab und blieb hinter einem Kastenwagen, an dessen Seitentüren für
automatische Rollläden geworben wurde.
»Auf Gymnasium hatte ich aber keine
Lust«, fuhr Bräuer fort. »Ich wollte zur Realschule
nach Olsberg. Nicht weil es da einfacher war, sondern weil die meisten meiner
Schulfreunde dahin gingen. Außerdem wollte ich Onkel Wolfgang zeigen, dass man
die Realschule schaffen kann. Er ist nämlich nach zwei Jahren runter geflogen.
Nach der Realschule begann ich dann mit einer kaufmännischen Lehre.«
Er nahm die nächste Rechtskurve mit
quietschenden Reifen. Ich schaute an ihm vorbei aus dem Fenster. Auf dem Berg
links von uns leuchtete im hellen Flutlicht die Bobbahn Winterbergs, die
ausschließlich aus Kunsteis bestand. Riesige Röhren
waren vor Jahren unter die Bahn gelegt worden, als es lange Zeit keine
ordentlichen kalten Winter im Sauerland gab. Seitdem war man vom Wetter
unabhängig. Die Bobbahn hatte viele nationale und internationale Rennen erlebt,
ja, einmal waren sogar im Sommer Bobrennen veranstaltet worden.
»Reparaturarbeiten«, erklärte Bräuer. »Jedes Jahr im April wird die Bobbahn renoviert. Es
kommt vor, dass das Flutlicht tagelang brennt.«
Die Schneise, in der die Anlage lag,
verschwand wie eine helle Schlucht hinter uns.
Ich sah wieder nach vorn. »Was ist mit
Ihrer Mutter?«
»Sie starb vor drei Jahren. Krebs.
Seitdem lebe ich allein.«
Aus zwei Fahrspuren wurde wieder eine. Bräuer schaltete einen Gang herunter, sah an dem Lastwagen
vor uns vorbei und wartete, bis uns ein Motorradfahrer passiert hatte. Dann gab
er Gas und überholte den Lastwagen.
»Leben die Geschwister Ihrer Mutter
noch?«, fragte ich.
Bräuer
trommelte auf dem Lenkrad herum. »Natürlich. Gerlinde wohnt in Gießen, Sophia
in Berleburg, Magdalena in Meschede und Onkel Wolfgang in Aachen. Ich habe
keinen Kontakt mehr zu ihm.«
Wir bogen nach rechts ab und erreichten
schließlich das Krankenhaus in Winterberg. Suchend sah Bräuer
sich nach einem Parkplatz um. Er fand ihn neben einem alten Golf.
»So, da wären wir.«
Er stellte den Motor ab.
Ich blieb sitzen. »Wie gut kannten Sie
Kurt Lamberg?«
»Wir wohnen beide in Züschen. Kurt war dreiunddreißig, fünf Jahre älter als ich.
Wir spielten mal kurze Zeit im Tennisclub Züschen,
aber Kontakte gab es so gut wie keine. Wir haben uns eigentlich nur in der
Firma getroffen.«
»Wo waren Sie gestern?«
Bräuer
stutzte, dann verzog sich sein Mund zu einem knappen Lächeln. »Sie fragen nach
meinem Alibi, was? Ich war bei meiner Freundin, bei Yvonne.«
»Ein hübsches Mädchen.«
»Ja.«
»Ich kannte mal einen Walter Harlinger.«
»So heißt ihr Vater.«
Bräuer öffnete die Fahrertür. »Den Namen gibt es
nicht sehr häufig. Vermutlich ist es der Harlinger,
den Sie kennen.«
Wir stiegen aus. Bräuer
verschloss den Astra, und nebeneinander gingen wir auf das Krankenhausgebäude
zu.
Der Grundstein des St.
Franziskus-Krankenhauses in Winterberg wurde im Jahr 1888 gelegt. Nach dem
Zweiten Weltkrieg war es zum ersten Mal umgebaut worden und dann in den 60er
und 70er Jahren noch einmal renoviert und mit Chirurgie-, Innerer und
Gynäkologie-Abteilung zu einem recht modernen Krankenhaus gewachsen. Gerade die
Chirurgieabteilung erfreute sich im Winter großen Andrangs, nicht zuletzt wegen
der vielen Skiunfälle.
In der großen Eingangshalle roch es
nach Desinfektionsmitteln. Es gab drei Fahrstühle, einen sehr breiten für das
Personal mit den Krankenbetten und zwei kleinere für Besucher. Mit fünf
weiteren Personen warteten wir ungeduldig, bis einer der kleinen Fahrstühle
endlich erschien. Er war eng für uns sieben, obwohl ein Schild im Inneren
darauf hinwies, dass er für zehn Personen geeignet sei. Jemand hatte schlechten
Atem, ein anderer roch nach Zigaretten.
Schon als Jugendlicher hatte ich mich
vor Krankenhäusern geekelt. Obwohl alles steril sein sollte, hatte ich es immer
vermieden, ein Geländer oder einen Türgriff anzufassen. Wenn es dann doch
unvermeidlich gewesen war, hatte ich minutenlang über dem Waschbecken meine
Hände mit Seife und Bürste gescheuert, bis die Haut rot geworden war. Mit zehn
war ich zum ersten Mal zu Besuch im Krankenhaus in Winterberg. Mein Vater war
mit einer schweren Lungenentzündung eingeliefert worden, und Mutter und ich wollten
ihn besuchen. Sie hatte mich fein gemacht. Lange, blaue Stoffhose, weißes Hemd,
grüne Weste mit roten Biesen. Dazu trug ich meine schönsten Schuhe.
Dunkelbraune Sandalen.
»Mach
dich nicht schmutzig«, rief meine Mutter mir zu, als ich noch einmal kurz nach
draußen gehen wollte, während sie sich fertig machte. »In zwanzig Minuten fährt
unser Bus.«
Draußen war es warm. Ich trat vor eine
Blechdose und erschrak, weil ich doch meine neuen Schuhe anhatte. Hinter dem
Haus Leggen hörte ich ein Pferd wiehern. Leggen hatten immer schöne Pferde im Stall, nicht so plumpe
Ackergäule wie die meisten Bauern in Züschen.
Vielleicht hatten sie wieder ein neues gekauft.
Ich lief um die Hausecke. Warum ein
Kind von zehn Jahren immer laufen musste, ist mir bis heute ein Rätsel
geblieben. An diesem Tag hätte ich langsam gehen sollen. So aber lief ich so
schnell ich konnte in die Richtung, aus der das Wiehern gekommen war. Nur kurz
wollte ich einen Blick auf das Pferd werfen.
In der Kurve, genau an der Hausecke
geschah es. In meiner Hast sah ich die Kuhscheiße erst, als es zu spät war. Und
natürlich trat ich mit meinen neuen dunkelbraunen Sandalen genau in den
frischen Fladen. Die Beine gaben unter mir nach, verzweifelt suchte ich nach
einem Halt. Aber da war nichts, nur dieser ekelige, braungrüne Kuhfladen auf
der Straße, der blitzartig näher kam.
Nie in meinem Leben habe ich so geheult
wie damals. Ich stank entsetzlich. In der ersten Reaktion gab mir meine Mutter
eine saftige Ohrfeige, dann nahm sie meinen Kopf, der wohl als Einziges nichts
abbekommen hatte, in den Arm. Aber ich war untröstlich. Sie steckte mich in die
Badewanne, zog mir meine alte, speckige Lederhose an, einen Pullover, der seit
Tagen in der Wäsche lag und meine alten Turnschuhe. So ging ich dann ins Krankenhaus.
Ich habe mich entsetzlich geschämt, aber mein Vater hat nichts gesagt, nur
gefreut hat er sich.
Als ich achtzehn Jahre alt war, musste
meine Mutter am Blinddarm operiert werden. Ich war spät aufgestanden und ohne
zu essen mit dem Bus nach Winterberg gefahren. Neben ihrem Bett stand noch ihr
Frühstück. Es sah so appetitlich aus, dass ich zwei Schnitten davon verschlang.
Keine zwei Minuten später hetzte ich zum Klo und brach alles wieder aus.
Seitdem drehen sich mir die Magenwände um, wenn ich nur ein Krankenhaus sehe.
Nach meinem Dienstunfall von vor knapp vier Jahren habe ich fünf Kilo
abgenommen, weil ich im Krankenbett kaum etwas gegessen habe.
Ich war
froh, als der Lift im dritten Stock anhielt und wir aussteigen konnten.
Frank Bräuer
drückte einen Knopf an der Wand, und die Tür zur Station öffnete sich.
Die Wände waren weiß, mit blauen
Handläufen in Hüfthöhe für Gehbehinderte. Auch der strapazierfähige
Teppichboden war dunkelblau. Vor der Tür Nummer 312 blieb Bräuer
stehen und klopfte. Eine dunkle Stimme antwortete, und wir traten ein.
Robert Rohloff
lag in einem Einzelzimmer. Sein Kopf ruhte auf dem schräg gestellten Kissen.
Obwohl auch er älter geworden war, hätte ich ihn unter Tausenden wieder
erkannt.
Sein breites Gesicht mit der dicken Nase
und dem kantigen Kinn war unverwechselbar. Das Alter hatte auch bei ihm Spuren
hinterlassen. Unter den Augen hingen dicke Tränensäcke, das ehemals
dunkelbraune, stets kurz geschnittene Haar war stark ergraut und über der Stirn
sehr gelichtet. Tiefe Falten hatten sich zu beiden Seiten seines Mundes
eingekerbt. Dabei sah er blass aus, die typische Krankenhausblässe eben, und er
wirkte auf den ersten Blick eingefallen und schwach.
»Guten Morgen, Chef«, sagte Bräuer.
Robert Rohloff
starrte ihn an, dann mich und wieder Frank Bräuer.
»Frank, was machst du hier? Hast du
nichts zu tun? Wer sind Sie denn?«
Er sprach ohne Punkt und Komma und ohne
Luft zu holen.
»Das ist Herr Falke, Chef.«
Robert Rohloff
reagierte nicht.
Ich trat einen Schritt vor. »Wie Herr Bräuer schon sagte, ich bin Johannes Falke.« Noch einmal machte ich eine kurze Pause, aber Rohloff erkannte mich immer noch nicht – oder wollte
mich nicht erkennen. Auch gut, dachte ich. Mir machte das nichts aus. Es war
auch viel besser, aus der Distanz heraus zu recherchieren.
»Es geht um Kurt Lamberg,
Ihren Lagerarbeiter.«
»Lagerist bitte«, korrigierte er mich.
»Was ist mit ihm?«
»Er ist heute Morgen tot in Ihrer Firma
aufgefunden worden.«
»Was heißt das – tot?«, wiederholte er stumpfsinnig.
»Kurt Lamberg
wurde ermordet«, sagte ich.
Danach war es fast eine Minute lang
still. Rohloff rührte sich nicht, nur sein Gesicht
schien immer mehr die weiße Farbe seines Kopfkissens anzunehmen. Dann ballten
sich seine Hände auf der Bettdecke zu Fäusten.
»Das glaube ich nicht«, stieß er aus.
»Verflucht noch mal. Ich glaub das einfach nicht.«
»Es ist leider die Wahrheit«.
Robert Rohloff
schloss die Augen. Minuten vergingen.
»Herr Rohloff?«, fragte ich und beugte mich über ihn.
Keine Antwort.
»Herr Rohloff.
Geht es Ihnen nicht gut?«
Langsam öffneten sich seine Augen. »Was?«, fragte er leise.
»Sind Sie in Ordnung?«
»Aber ja.« Rohloff
presste die Worte heraus. Dann sagte er: »Verdammt, verdammt! Wie konnte das
denn passieren? Mord! In meiner Firma. Wer war es?«
Ich wich zurück, so abrupt und laut und
unbeherrscht war Rohloffs Stimme geworden.
»Das wissen wir noch nicht«, antwortete
ich schnell.
»Wäre auch ein Wunder, wenn das so
schnell aufgeklärt würde.« Rohloff
tobte und fluchte weiter und hielt der Polizei Unfähigkeit vor. Ich ließ ihn
gewähren. Es war wohl der Schock, der tief in ihm saß.
Langsam beruhigte er sich wieder. »Wer
hat den Mord entdeckt?«
»Ello war
es«, antwortete Bräuer.
»Das muss doch schlimm für sie gewesen
sein.«
»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte
ich. »Man kümmert sich um sie.«
Robert Rohloff
nickte nur. Dann stutzte er. »Wenn du hier bist, Frank und Ello
außer Gefecht und Kurt tot – wer kümmert sich denn dann um die Firma? Himmelherrgottnochmal, muss man denn alles selbst machen?
Kann man sich nicht einmal zu einer Routineuntersuchung ins Krankenhaus legen?«
Es war nicht zu fassen. Selbst in
diesem Moment, in dem er vom Tod seines Lagerarbeiters, pardon Lageristen,
erfahren hatte, dachte er nur an seine Firma.
Ich sah mich im Zimmer um. Auf seinem
Nachttisch lagen zwei dicke Bücher. »Geschäftspraktiken für den
wirtschaftlichen Aufschwung« und »Börse aktuell«. Daneben drei
Wirtschaftsmagazine, eine halbvolle Flasche Mineralwasser und eine
Tablettenpackung. Neben seinem Bett befand sich ein runder Tisch mit zwei hellbeigen Sesseln. Auf einem an der Wand befestigten Brett
stand ein schwarzer Fernseher. Er war eingeschaltet, aber der Ton war
ausgeblendet. N-tv zeigte auf dem Laufband am unteren
Ende des Fernsehers die aktuellen Börsenkurse.
Plötzlich drehte Rohloff
sich zur Seite. Ehe wir merkten, was er vorhatte, drückte er schon auf die
Klingel an seinem Bett. Wenig später erschien eine Krankenschwester.
Rohloff
schlug die Bettdecke zurück. Die Hosenbeine des Pyjamas waren hoch gerutscht,
so dass ich die weißen Thrombosestrümpfe an seinen Füßen sehen konnte. Sie
erinnerten mich an Onkel Fritz aus Max und Moritz.
»Ich muss hier raus.«
Rohloff wollte sich aufrichten, aber die Schwester
drückte ihn zurück.
»Liegen bleiben, Herr Rohloff«, sagte sie resolut. »Sie können das Bett noch
nicht verlassen. Das entscheidet der Chef.«
»Dann holen Sie ihn, verdammt.«
Die Schwester lächelte genervt. »Ich
schicke Ihnen den Chefarzt, aber Sie müssen Geduld haben.«
Sie rauschte wieder hinaus.
Der Chefarzt und die Schwester
erschienen nur zwei Minuten später wieder.
»Wieso hat er sich so aufgeregt?«, fragte der Arzt.
Ich sagte es ihm.
Seine Lippen wurden schmal. »Sie hätten
vorher mit mir sprechen sollen.« Seine Verärgerung war
nicht zu überhören.
»Entschuldigung«, murmelte ich.
Der Arzt ließ sich eine Spritze reichen
und drückte sie in Rohloffs Arm, während die
Schwester mir gegenüber jetzt nicht mehr so freundlich war.
»Wie lange wird er noch hier bleiben
müssen?«, wagte ich zu fragen.
»Ein paar Tage«, antwortete der Arzt.
Ohne uns noch einen weiteren Blick zu
gönnen, rauschte er wieder ab. Die Schwester zog sich einen Stuhl heran und
setzte sich neben das Bett.
Robert Rohloffs
Atem ging ruhig und gleichmäßig, seine Augen waren geschlossen.
»Sie sollten jetzt besser gehen«, sagte
die Krankenschwester.
Wir widersprachen nicht.
»Ich schätze, der Arzt behält ihn noch
mindestens drei oder vier Tage hier«, vermutete Bräuer
auf dem Weg zum Lift. »Gerade jetzt, wo Rohloffs
Blutdruck wieder gestiegen ist, wird er den Teufel tun und ihn entlassen.«
Schweigend fuhren wir mit dem Aufzug
ins Erdgeschoss und gingen schnell durch die Eingangshalle zum Parkplatz. Es
nieselte leicht, als wir die Bundesstraße 236 wieder erreichten und in Richtung
Züschen fuhren.
»Ist Rohloff
verheiratet?«, fragte ich.
Bräuer
nickte.
»Hat er Kinder?«
»Nein.«
Bräuer
bremste hinter einem Kleinlastwagen ab, der mit dreißig durch die Kurven
schlich. Auf den nächsten Kilometern gab es keine Möglichkeit, den Wagen zu
überholen. Also fügten wir uns notgedrungen.
»Wie sind Sie an diese Stelle gekommen?«, brachte ich das Gespräch wieder in Gang.
»Durch eine Annonce«, antwortete Bräuer. »Sie stand im September letzten Jahres in der
Westfalenpost. `Bürokaufmann für sofort gesucht`. Ich war einer von fünf
Bewerbern. Ich wurde genommen, weil Rohloff da schon
das Gebäude auf der Hardt gekauft hatte und seine Firma von Brilon nach Züschen verlegen wollte. Die anderen Bewerber kamen aus der
Nähe von Brilon und aus Meschede. Zu weit bis Züschen,
sagte Rohloff.« Er zuckte
die Schultern. »Aber vielleicht waren meine Zeugnisse doch überragend, und Rohloff will es nur nicht zugeben. Zuzutrauen wäre es ihm.
Er kann es nicht ertragen, wenn jemand besser ist als er.«
So hatte ich Rohloff
in Erinnerung.
»Ich fing am 2. November an. An dem Tag
weihte Rohloff sein neues Firmengebäude ein.«
»Was haben Sie vorher gemacht?«
»Ich war bei der Firma Kröner & Co in Hallenberg. Import-Export. Dort habe ich
Kaufmann gelernt und bis vor etwa vierzehn Monaten gearbeitet. Dann musste Kröner dichtmachen.«
Bräuer gab
plötzlich Gas. Der Astra scherte wie eine Rakete nach links aus und schoss an
dem Kleinlastwagen vorbei, sodass ich regelrecht in den Sitz gedrückt wurde.
Als ich wieder aufatmen konnte, fragte ich: »War bis zum 2. November Ello Block allein im Büro verantwortlich?«
Bräuer lachte
laut auf. »Nichts gegen Ello, Herr Falke, aber das
traut ihr niemand zu. Sie ist – wie soll ich sagen – eine
Arbeiterin, die auf Anweisungen ihre Aufgaben erledigt, aber selbständig etwas
tun, das wäre zu viel verlangt. Nein, bis Ende Oktober gab es noch Robert Rohloffs Bruder Paul in der Firma.«
»Was ist dann geschehen?«
»Robert Rohloff
hat ihn entlassen, oder besser gesagt: gefeuert.«
»Aus welchem Grund?«
»Keine Ahnung.« Bräuer
zuckte die Schultern. »Ich weiß nur von Lamberg, dass die beiden Partner waren, aber Robert Rohloff besaß mehr Anteile als sein Bruder Paul. Bis zum 2.
November hieß die Firma ja auch >Rohloff &
Co<. Hier in Züschen hat Rohloff
das >Co< gar nicht erst in sein Firmenlogo aufgenommen.«
»Wo wohnt Paul Rohloff?«
»In Brilon, soviel ich weiß.«
Bräuer nahm
den Fuß vom Gas und fuhr vorsichtig an dem Starenkasten kurz hinter dem
Ortsschild vorbei und schließlich die Schützenstraße hinauf.
Kurz darauf erreichten wir wieder die
Firma. Die Frauen standen immer noch draußen herum. Willi und Siggi saßen in
ihrem Streifenwagen. Ich ging zu ihnen und beugte mich durch die Scheibe in den
Wagen hinein.
»Wie geht es Ello?«
»Besser«, sagte Willi. »Wir haben diese
Brunhilde zu ihr geschickt. Hast du was erreicht, Johannes?«
»Nichts. Rohloff
wollte sofort aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber er denkt mehr an seine
Firma als an seinen toten Mitarbeiter.«
»Was tun wir jetzt?«,
fragte Siggi.
»Warten bis die Mordkommission kommt.«