KEIN ALIBI NACH MASS

 

 

 

 

NANCY PARKER

 

DIE FRAU MIT DEM KRIMINALISTISCHEN INSTINKT

 

Nancy Parker, die 58jährige Witwe des ehemaligen Chefinspektors Arthur Parker von Scotland Yard, gerät immer wieder in mysteriöse Mordfälle. Sehr zum Leidwesen des neuen Chefinspektors Ron Durling. Er ist Arthur Parkers Nachfolger geworden. Aber Nancy imponiert und überrascht Ron Durling mit einem kriminalistischen Gespür, das sie ganz offenbar bei ihrem Mann gelernt hat...

 

 

         „Romme“, sagte Nancy Parker und legte ihre Karten auf den Tisch. Sie beugte sich vor. „Was ist los mit dir, Stella? Du bist heute so unkonzentriert.“

         „Tut mir leid.“ Stella Baldwin versuchte zu lächeln, was aber sehr kläglich ausfiel. „Ich werde versuchen, mich zu bessern. Noch ein Spiel?“

         „Gern.“

         Sie hatten sich vor drei Wochen zum ersten Mal wieder getroffen. Früher, als Arthur noch lebte, waren sie Nachbarn gewesen und manchmal zu viert ausgegangen, und nur Jason, Stellas Mann, hatte mit seiner unfreundlichen und launischen Art dafür gesorgt, daß es bei einer flüchtigen Bekanntschaft geblieben war. Als Stella anrief und Nancy fragte, wie sie nach Arthurs Tod zurecht komme, hatte Nancy sie spontan zum Kartenspiel eingeladen. Und seitdem trafen sie sich zweimal in der Woche in Nancys Wohnung.

         „Ich habe mich mal wieder mit Jason gestritten“, erklärte Stella, als sie Nancys prüfenden Blick bemerkte. „Kurz bevor ich zu dir gefahren bin. Ich kann das nicht so schnell abschütteln.“

         Jetzt war Nancy klar, warum Stella heute so stark geschminkt war, und sie glaubte auch, blaue Stellen in Stellas Gesicht zu entdecken. Nancy nickte bedauernd. Stella tat ihr leid. Sie hatte schon immer unter Jason, diesem jähzornigen Kerl, leiden müssen.

         Nancy nahm das Kartenspiel und mischte. Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus der Ecke. Ein Fax kam herein. Sie stand auf und riß die Seite ab. „Es ist für dich, von Jason.“

         Stella warf nur einen flüchtigen Blick darauf. „Er erwartet mich zum Abendessen. Wenn ich nicht komme, dann...“

         Sie sprach nicht aus, was dann sein würde, aber Nancy verstand sie auch so.

         Je länger die Zeit verstrich, desto nervöser wurde Stella. Schließlich stand sie auf.

         „Ich muß gehen. Ich will es nicht noch schlimmer machen...“ Sie zögerte. „Nancy, ich – ich weiß, es ist eine Zumutung, aber würde es dir etwas ausmachen, mitzukommen? Sobald sein erster Zorn verraucht ist, kannst du wieder fahren. Bitte. Um unserer alten Freundschaft willen.“

         Nancy hatte eigentlich vorgehabt, nicht mehr in die Gegend zu fahren, in der sie mit Arthur so viele Jahre glücklich war, aber Stella stand so hilflos vor ihr, daß sie einwilligte.

         Das Haus lag wie ausgestorben vor ihnen in der Dunkelheit. Es war eines dieser älteren Gemäuer aus der Jahrhundertwende. Die ganze Straßenfront war erst vor einigen Jahren renoviert, aber der Stil der viktorianischen Epoche war peinlichst genau beibehalten worden.

         Für einen Moment bereute Nancy, daß sie nicht „Scotland Yard“ angerufen hatte, aber dann sah sie im Geiste das Gesicht des Chefinspektors Ron Durling von „Scotland Yard“. Sie war ihm in letzter Zeit schon zu häufig in die Quere gekommen. Wenn sie ihn jetzt noch zu einem harmlosen Familienstreit rufen würde, stünden ihre guten Beziehungen auf dem Spiel. Und das wollte Nancy nicht riskieren, denn trotz ihrer Gegensätzlichkeiten mochte sie Ron Durling. Er machte seine Arbeit gut und hatte es wirklich verdient, der Nachfolger ihres Mannes Arthur zu sein.

         Stellas Hände zitterten, als sie die Tür aufschloß. Sie betrat den dunklen Flur, ging zielstrebig zum Sicherungskasten und drückte die Sicherung ein. Wenig später flammte die Deckenlampe auf.

         „Er ist gar nicht da“, sagte Nancy.

         Plötzlich stieß Stella hinter ihr einen erstickten Schrei aus. Nancy fuhr herum.

         Stella stand an der steilen Kellertreppe und blickte mit starren Augen hinunter.

         „Gütiger Himmel“, stieß Nancy aus, als sie den leblosen Körper am Fuße der Treppe sah. Sie brauchte keine Expertin zu sein, um zu sehen, daß Jason Baldwin tot war. Schnell ging sie zum Telefon.

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         Ron Durling sah müde aus.

         „Ich bin seit achtundvierzig Stunden auf den Beinen, Nancy“, sagte er etwas brüchig. „Ich hatte gehofft, heute abend etwas früher ins Bett zu kommen.“

         „Tut mir leid, Ron.“ Sie hatte den leisen Vorwurf nicht überhören können und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Arthur sagte immer, ein Chefinspektor von Scotland Yard ist immer im Dienst.“

         „Da hatte er leider recht. Also? Was können Sie mir sagen?“

         In kurzen Worten berichtete Nancy, was sich ereignet hatte. Stella Baldwin hörte schweigend zu. Manchmal nickte sie zustimmend. Ihr Gesicht war verweint, ihre Schminke vermischt, so daß ihre blauen Flecken nun deutlich zu sehen waren. Jason mußte sie heftiger geschlagen haben als sie zugeben wollte. Ron Durling wurde nachdenklich.

         „Ein Unfall“, stammelte Stella immer wieder. „Ich habe ihm so oft gesagt, er solle die elektrischen Leitungen überprüfen. Jetzt ist die Sicherung rausgesprungen. Jason muß im Dunkeln die Treppe verfehlt haben und ist hinuntergestürzt...“

         „Stella!“ Nancy Parkers Stimme ließ sie ganz plötzlich verstummen. Nancys Gesichtsausdruck war sehr ernst geworden. „Du soll­test dir gut überlegen, was du jetzt sagst. Ich fürchte, du hast einen Fehler gemacht. Als du das Haus betreten hast, bist du sofort zum Siche­rungskasten gegangen und hast die Sicherung her­ein gedrückt. Jeder hätte zuerst den Lichtschalter betätigt. Es sei denn, man weiß, daß die Sicherung heraus gesprungen war. Ich bin sicher, daß du deinen Mann ermordet hast. Du hast ihn vermutlich im Streit die Treppe hinunter gestoßen.“

         Stella starrte sie sprachlos an. „Nancy, ich bin den ganzen Abend bei dir gewesen. Du hast doch selbst das Fax gesehen, das Jason mir geschickt hat. Hast du das vergessen?“

         Das stimmte allerdings.

         „Vielleicht kann ich da aushelfen.“ Ron Durling schmunzelte, als er Nancys verkniffenes Gesicht sah.

         „Ein bißchen von Technik verstehe ich auch. Mrs. Baldwin, Ihr Fax hat ganz sicher die Funktion Zeitverzögerung. Damit können Sie jedes Fax zu einem x-beliebigen Zeitpunkt programmieren. Sie brauchen nicht selbst an Ort und Stelle zu sein. Wenn unser Arzt feststellt, daß Ihr Mann schon tot war, als Sie bei Nancy Parker waren, müssen Sie uns einiges erklären.“

         Stella brach zusammen. Sie weinte plötzlich hemmungslos „Es war nicht mehr auszuhalten mit ihm. Ich mußte etwas tun. Verstehst du das nicht?“

         Nancy schüttelte den Kopf. „Tut mir sehr leid, alte Freundin“, murmelte sie. „Du hast mich ganz bewußt hierher gelockt. Ich sollte dein Alibi sein. Aber bei Mord hört die Freundschaft auf.“