ENDE EINES ALPTRAUMS

 

         Sie freuten sich auf einen schönen Abend in der gemütlichen, kleinen Berghütte. Ray Baker hatte die Abendzeitung an der letzten Tankstelle gekauft, und jetzt saß er bequem in einem Sessel, während Karen Grisby die kleine Tasche auspackte. Hier in dieser Hütte hatte ihre Liebe vor Jahren angefangen, und hier verbrachten sie häufig ein paar Tage.

         Plötzlich klingelte sein Handy. Ray seufzte. Wahrscheinlich war es wieder seine Sekretärin. Sie kamen selten ohne ihn aus.

         Aber es war nicht Rays Büro. Eine männliche Stimme lachte leicht am anderen Ende.

         „Hallo, Ray.“

         Er erkannte ihn sofort: Nat Grisby, Karens ehemaliger Mann.

         „Nat...?“

         Karen stockte mitten in der Bewegung und starrte Ray an, der das Handy umkrampft hatte.

         „Ja, da staunst du, was? Man hat mich wegen guter Führung vorzeitig entlassen.“ Nat lachte höhnisch. „Ich kann euch zwar nicht sehen, aber ich weide mich an der Angst, die euch im Gesicht stehen muß.“

         „Was willst du?“ preßte Ray hervor. Er hatte sich von seinem ersten Schock wieder gefangen.

         „Ich wollte mich nur in Erinnerung bringen. Damit ihr mich nicht vergeßt.“

         Ray reagierte nicht darauf. Nur die Nerven behalten, sagte er sich. „Wo bist du?“

         „Als wenn dich das interessieren würde. Ich habe keine feudale Wohnung mehr, so wie du. Ich muß mich mit einem alten Wohnwagen zufrieden geben. Aber besser als nichts. Von meinem Fenster aus kann ich genau auf den Steinbruch sehen. Eine wunderbare Aussicht“, fügte er ironisch hinzu.

         Ray kannte die Gegend. Man hatte den Arbeitern damals ein paar Wohnwagen zur Verfügung gestellt. Seit die Arbeiten jedoch eingestellt worden waren, rosteten die Wagen vor sich hin.

         Ray leckte sich über die spröden Lippen. „Nat, laß uns vergessen, was damals war. Wir sollten über alles reden. Überleg es dir.“

         „Niemals“, sagte Nat und legte auf.

         Einen Moment lang blieb Ray regungslos stehen. Karen trat neben ihn, sah ihn fragend an, und als er ihr erzählte, daß Nat frei war, wurde sie blaß.

         Ray trat ans Fenster und schaute hinaus. In einiger Entfernung ragte ein Fichtenwald dunkel gegen den Abendhimmel. Er bereute nun, mit Karen hierher gefahren zu sein. Wenn Nat das herausfand...

         „Ich habe Angst, Ray.“

         Das konnte er sich gut vorstellen. Schließlich war Nat mit einem Messer auf sie losgegangen, als er erfahren hatte, daß sie ihn mit Ray betrog, und nur weil Ray überraschend gekommen war, konnte das Schlimmste verhindert werden...

         Minutenlang sprachen sie kein Wort. Sie wußten, daß Nat nicht eher ruhen würde, bis er sie fand. Noch im Gerichtssaal hatte er mehrmals gedroht, sie umzubringen. Warum nur hatten sie ihn freigelassen?

         Aber darauf hatte Ray auch keine Antwort.

         Einen Moment dachte er daran, die Polizei anzurufen, aber welchen Zweck sollte das haben? Noch hatte Nat gegen kein Gesetz verstoßen.

         In dieser Nacht schliefen sie kaum, und am Morgen war Ray zu einem Entschluß gekommen.

         „Du weißt, daß wir nie Ruhe vor Nat finden werden, Karen. Willst du so leben?“

         Sie schüttelte den Kopf.

         „Er haust im alten Steinbruch, und das ist unsere Chance.“

         Sie verstand und nickte. „Und was muß ich tun?“

         „Die Nachbarn wissen, daß ich mit dir hier bin. Du mußt aussagen, daß ich das Blockhaus nicht verlassen habe.“

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         Es regnete leicht, als Ray losfuhr, und das war ein glücklicher Umstand, denn die wenigen Fahrer waren nur mit sich selbst beschäftigt und achteten nicht auf andere Wagen.

         Ray blieb in einiger Entfernung hinter einem Kleinbus, der durch eine Pfütze fuhr. Das Wasser traf eine Frau am Straßenrand. Ray registrierte unwillkürlich, daß die Frau sehr hübsch war, mit langen, schwarzen Haaren. Dazu trug sie eine grüne Jacke, auf der jetzt deutlich schmutzige Regentropfen perlten. Ganz offensichtlich hatte sie eine Panne, denn die Motorhaube war geöffnet. Als Ray an ihr vorbei fuhr, erhaschte er flüchtig ihren hilfesuchenden Blick. Aber er schüttelte bedauernd den Kopf, er konnte nicht anhalten, er hatte Wichtigeres zu tun.

         Der Steinbruch lag einsam vor Ray. Es gab zwei Wohnwagen, aber nur in einem brannte Licht. Mit einem raschen Blick durch das Fenster vergewisserte er sich, daß Nat darin war. Er trank Whisky.

         Soll er, dachte Ray sarkastisch. Einen letzten Drink sozusagen.

         Er holte tief Luft und klopfte. Wenig später erschien Nat in der Tür. Sprachlos starrte er Ray an.

         „Du? Dich habe ich am wenigsten erwartet. Was willst...“

         Er kam nicht weiter. Ray hatte den schweren Stein die ganze Zeit hinter seinen Rücken gehalten. Jetzt hob er ihn an und schlug ohne Warnung zu. Nat hatte keine Chance.

         Schnell schob Ray den leblosen Körper in den Wagen, warf den Stein achtlos daneben und lief zurück zum Auto.

         Eine halbe Stunde später war er wieder in der Berghütte bei Karen Grisby.

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         Der Anruf auf seinem Handy erreichte ihn schon kurz darauf. Die Polizei bestellte ihn zum Steinbruch.

         Zwei Polizeibeamte versperrten ihnen den Weg.

         „Wer sind Sie?“

         „Ray Baker, und das ist Karen Grisby. Man hat mich angerufen.“

         Er wurde zu einem Mann geführt, der sich als Officer Jenkins vorstellte.

         „Ein Spaziergänger hat in diesem Wohnwagen Nat Grisby gefunden. Ermordet. Bei ihm fanden wir einen Zettel mit Ihrer Handynummer. Deshalb haben wir Sie angerufen. Inzwischen wurde auch Ihre Verbindung zu dem Ermordeten festgestellt.“ Er sah dabei Karen an.

         Ray nickte. Es gab nichts zu verheimlichen. „Das ist jedem bekannt. Ich habe aber gar nicht gewußt, daß er wieder frei ist. Wir sind seit gestern mittag in unserem Blockhaus und haben es seitdem nicht verlassen. Wahrscheinlich ist Nat Grisby von jemandem überrascht worden.“

         „So kann es gewesen sein. Das würde die Tatwaffe erklären.“ Jenkins drehte sich um, als ein Wagen vorfuhr. Der Fahrer stieg aus, lief um den Wagen herum und hielt die Beifahrertür auf. Eine Frau stieg aus.

         „Das ist Leutnant Ann Desmond“, stellte Jen kins sie vor. „Sie leitet die Ermittlungen.“

         Ann Desmond hatte schwarze, lange Haare und trug noch ihre grüne Regenjacke.

         Ray Baker schloß die Augen. Er machte sich nichts vor. Jede andere Person würde sich nicht mehr an ihn oder an seinen Wagen erinnern. Aber ein geschulter Leutnant der Mordkommission schon.

         Sein Alibi war nichts mehr wert.

 

E N D E