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VON ANGESICHT ZU ANGESICHT |
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Steve Benson stand hinter der Gardine,
als der Wagen vor dem Haus hielt. Ken stieg aus. Er reckte sich und dehnte seinen Adoniskörper, bevor
er sich noch einmal der Fahrerin zuwandte.
Steve konnte nicht verstehen, was sein
Bruder sagte, aber es mußten keine freundlichen Worte sein, denn er warf wütend
die Autotür zu. In letzter Zeit kam es immer häufiger vor, daß Ken sich mit
seiner Verlobten Sophie Patton stritt.
Ken kramte in seiner Tasche nach dem
Schlüssel und öffnete die Haustür. Als er die Diele betrat, trat Steve auf die
Treppe.
„Meinungsverschiedenheiten?“
Steve sah an Ken vorbei nach draußen.
„Das geht dich nichts an.“
„Und warum kommt Sophie nicht mit
herein?“
„Sie - sie hat noch was zu
erledigen.“
Warum rechtfertigte er sich eigentlich
vor seinem jüngeren Bruder? Ken war wütend. „Was tust du hier überhaupt
noch? Geh lieber ins Bett oder widme dich deinen Büchern.“
Steve schloß die Augen. Warum nur ist
Ken so gemein zu mir? dachte er verbittert. Noch nie hatte sein Bruder ein
herzliches Wort für Steve übrig gehabt, sondern nutzte ihn ständig aus oder
trieb seine Späße mit ihm. Natürlich war Steve ein Bücherwurm. Für ihn gab es
nichts Schöneres, als sich mit einem Glas Wein und einem guten Buch
zurückzuziehen. Aber war das ein Grund für Ken, stets so abfällig zu reagieren?
Steve drehte sich um und lief eilig
hinaus. Das laute Lachen seines Bruders hallte noch lange in seinen Ohren
nach...
*
Die ganze Nacht über lag Steve wach und
dachte über seine Zukunft nach. Irgendwann einmal erbte er und Ken die Firma
ihres Vaters, und dann würden sie beide sehr, sehr reich sein. Aber Steve wußte
auch, daß er Ken nicht gewachsen war. Ken würde das Zepter in die Hand nehmen,
und er - Steve - würde unter seinem älteren Bruder immer ein Wasserträger
bleiben.
Dem mußte er vorbeugen. Jetzt und
sofort! Er durfte sich die Launen seines Bruders nicht länger gefallen lassen.
Steve wartete, bis seine Eltern Howard
und Ann Benson das Haus verlassen hatten. Sie sollten die Auseinandersetzung
nicht mitbekommen.
Ken war im Kaminzimmer. Steve ging auf
die Tür zu und schob sie langsam auf. Ken stand mit dem Rücken zu ihm und
telefonierte. Seine Stimme war unnatürlich laut. Ken schien mit Sophie zu
sprechen. Es war deutlich, daß sie miteinander stritten. Also war die Szene
gestern abend doch nicht gespielt.
Ken warf den Hörer auf die Gabel, und
Steve trat näher. Ken drehte sich gereizt zu ihm hin.
„Warum starrst du mich so dumm
an?“
Wieder lag dieser arrogante Ton in Kens
Stimme, der ihm durch Mark und Bein ging.
„Ich muß mit dir reden.“ Er
bemühte sich, seine Stimme fest klingen zu lassen.
„Ich wüßte nicht worüber.“ Ken
wollte an ihm vorbei zur Tür.
„Bleib stehen.“
Ken drehte sich überrascht um. Einen
solchen Ton war er offenbar von seinem Bruder nicht gewohnt. Ungläubig sah er
Steve an.
„Es reicht“, sagte Steve.
„Ich habe es satt, von dir wie Dreck behandelt zu werden.“
Ken legte den Kopf zur Seite und
grinste höhnisch. „Und was willst du dagegen tun?“
Das zynische Lächeln seines Bruders
trieb Steve das Blut ins Gesicht. Unbändiger Haß schoß in ihm hoch, und ehe Ken
begriff, was er tat, faßte Steve den Schürhaken vom Kamin und schlug mit aller
Kraft auf Ken ein.
Erst Minuten später kam Steve wieder zu
sich. Eine breite Blutlache hatte sich inzwischen unter dem Kopf seines Bruders
ausgebreitet. Steve brauchte nicht nachzusehen. Ken war tot.
Leichte Panik ergriff ihn, als draußen
ein Wagen vorfuhr. Steve lief zum Fenster. Sophie! Die hatte ihm gerade noch
gefehlt. Aber es war zu spät, um alle Spuren zu beseitigen. Hastig sah Steve
sich um, und dann hatte er eine Entscheidung getroffen.
Als Sophie das Kaminzimmer betrat,
huschte Steve aus seinem Versteck hinter der Tür hervor. Die Blumenvase
zerbrach auf ihrem Kopf, und noch ehe sie Kens Leiche sehen konnte, sackte
Sophie schon bewußtlos zusammen.
Steve atmete einige Male tief durch. Er
fühlte sich unendlich frei und selbstsicher. Noch nie hatte er etwas
Entscheidendes getan, jetzt aber war es endlich soweit. Mit Genugtuung drückte
er Sophie den Schürhaken in die Hand.
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Sergeant Allrey trat an die Leiche
heran. An der rechten Stirn klaffte eine riesige Wunde, die toten Augen
starrten ins Leere.
Kein schöner Anblick, dachte er und
wandte sich der jungen Frau zu, die am Boden lag, aber langsam wieder zur
Besinnung kam.
„Miss Patton?“
Sophie drehte den Kopf zu ihm hin. Ihr Blick
war immer noch wie verschleiert. Der Sergeant nahm ihr vorsichtig den
Schürhaken aus der Hand. Er stutzte plötzlich, kniff die Augen zusammen und
reichte den Haken einem Officer. „Bringen Sie ihn ins Labor.“
„Sie ist noch nicht
vernehmungsfähig“, sagte der Polizeiarzt zu Allrey. Der Sergeant nickte
nur, stand auf und ging in die Küche. Steve Benson saß auf einem Stuhl. Der
Sergeant nahm ihm gegenüber Platz.
„Sie haben also Ihren Bruder und
seine Verlobte gefunden?“
Steve nickte.
„Erzählen Sie doch mal von
vorn.“
„Da gibt es nicht viel zu sagen,
Sergeant. Ich bin heute morgen wie immer aufgestanden, wollte durch das
Kaminzimmer in die Küche. Dabei fand ich sie. Was ist hier vorgefallen,
Sergeant?“ Steve bemühte sich, nicht zu neugierig zu erscheinen.
„So wie es aussieht, haben sich die beiden gestritten, nicht? Und dabei
hat sie Ken getötet. War es nicht so?“
Ehe der Sergeant darauf antworten
konnte, stürzten Ann und Howard Benson herein. Ann weinte.
„Wir haben die Leiche unseres
ältesten Sohnes gesehen“, erklärte Howard Benson die Verfassung seiner
Frau. „Es war ein furchtbarer Anblick.“
„Das kann ich verstehen.“
Der Sergeant nickte.
Howard ließ sich schwer in einen Stuhl
fallen. „Ich habe befürchtet, daß es einmal so weit kommt.“
„Warum?“ Die Stimme des
Sergeanten war eine Spur schärfer geworden. Howard merkte es nicht.
„Die Beziehung war in letzter
Zeit nicht sehr harmonisch, Sergeant. Sophie Patton wollte unbedingt einen
Hochzeitstermin mit Ken abstimmen, aber der hat sie immer vertröstet. Vermutlich
wollte er sie gar nicht mehr heiraten. Tja, Ken war zwar unser Sohn, aber wir
haben immer große Sorgen mit ihm gehabt. Wir werden Sophie selbstverständlich
den besten Anwalt von ganz Atlanta besorgen.“
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Am nächsten Morgen klingelte Sergeant Allrey
am Haus der Familie Benson. Steve öffnete die Tür und bat ihn herein. Wenig
später waren alle Familienmitglieder im Wohnzimmer versammelt. Howard Benson
war ungeduldig. „Welche Anklage werden Sie gegen Sophie erheben. Mord
oder Totschlag?“
Der Sergeant schüttelte den Kopf.
„Keins von beiden. Ich konnte es von Anfang an nicht glauben, daß Sophie
Patton Ihren Sohn erschlagen hat.“
„Wieso?“ Howard starrte ihn
ratlos an. „Sie hatte doch den Haken in der Hand, als Steve sie
fand.“
„Tja, das ist richtig. Aber es
gibt viele Ungereimtheiten.“ Der Sergeant sah Steve an.
„Von Miss Sophie habe ich
erfahren, daß Sie, Mister Benson, kein gutes Verhältnis zu Ihrem Bruder hatten.
Stimmt das?“
„Wir hatten manchmal
Streit.“ Steve schien gelangweilt.
„Sophie sagte außerdem, daß Ihr
Bruder Sie nur ausgenutzt und gedemütigt hat.“
„Damit hat er schon vor Jahren
angefangen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt.“
„Sergeant, ich verstehe Ihre
Fragen nicht“, rief Ann Benson. „Verdächtigen Sie etwa
Steve?“
Sergeant Allrey fuhr sich mit der
flachen Hand über die Stirn. „Sehen Sie, Mrs. Benson. So wie es aussah,
hätte Ihre Schwiegertochter zuerst Ihren Sohn Ken mit dem Schürhaken ermorden
müssen und wäre dann von ihm mit der Vase bewußtlos geschlagen worden. Von
einem Toten wohlgemerkt. Das ist nun mal nicht möglich. Aber das ist noch nicht
alles. Wir haben die Leiche Ihres Sohnes inzwischen genau untersucht. Die
tödliche Wunde befindet sich auf der rechten Stirnseite.“
„Ja und?“ fragte Ann
verständnislos.
„Das bedeutet, daß ein
Linkshänder ihn erschlagen hat. Als wir aber ankamen, hielt die bewußtlose
Sophie den Schürhaken in ihrer rechten Hand.“ Der Sergeant wandte sich
wieder an Steve. Dieser öffnete den Mund, aber die Worte erstarben ihm auf der
Zunge.
„„Sie sind doch
Linkshänder, nicht? Ich habe Sie die ganze Zeit über genau beobachtet.“
Allrey lächelte sanft.
„Was wollen Sie damit sagen? Das
ist doch kein Beweis.“ Ann wollte Steve schützen.
„Möglich. Aber der Griff des Schürhakens
war nur flüchtig abgewischt. Wir haben noch winzige Spuren von Blut daran
gefunden. Miss Sophies Hand war unversehrt, was kein Wunder ist, wenn einem der
Haken in die Hand gedrückt wird. Aber derjenige, der Ihren Sohn Ken getötet
hat, hat sich an den Metallsplittern, die sich am Griff befinden, verletzt.
Würden Sie mir bitte Ihre linke Hand zeigen, Mister Benson?“