BITTERES ERWACHEN

 

         Hal Stanford hatte sich im Stillen tausendmal das dumme Gesicht seines Bruders vorgestellt. Es war der Stolz gewesen, der ihn daran gehindert hatte, acht Jahre zu warten. Doch jetzt musste Hal handeln.

         Damals hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen, das wenige, das er besaß, verkauft und sich in die Karibik abgesetzt. Inzwischen war das Geld alle. Lange Partys, leichte Mädchen und viel Alkohol hatten es bis zum letzten Pfennig aufgezehrt.

         Vor drei Stunden war Hals Maschine aus Jamaika gelandet. Bei der ersten Autovermietung lieh er sich einen Wagen und fuhr hinaus aus der Stadt. Steves Villa lag draußen im Grünen. Es war eine einsame Gegend, aber das passte zu ihm. Er war im Gegensatz zu Hal immer schon ein Landmensch gewesen.

         Bevor Hal ausstieg, griff er sich noch einmal in die Innentasche. Der kühle Knauf einer Pistole beruhigte ihn. Nur für alle Fälle hatte er sie eingesteckt. Sie waren zwar Brüder, aber Hal würde nicht zögern, Steve zu zwingen, ein paar Dollar heraus zu rücken.

         Hal läutete. Wenig später wurde die Tür geöffnet, und einen Moment lang starrte ihn der Mann mit offenem Mund fassungslos an.

         „Du...?“

         Hal legte den Kopf etwas schief und grinste leicht. „Tag, Brüderchen. Mich hast du wohl nicht erwartet, wie?“

         „Nein, allerdings nicht.“

         „Darf ich hereinkommen?“ fragte Hal.

         Steve sah an ihm vorbei über die Straße und trat dann zur Seite.

         „Ich halte dich nicht lange auf“, sagte Hal. Wenn Steve vernünftig war, würde sein Besuch ohnehin nur ein paar Minuten dauern.

         Hal war beeindruckt von der Einrichtung. „Du hast es ja wirklich zu etwas gebracht.“

         „Was willst du?“ herrschte Steve ihn an.

         Hal lachte. „Nicht so eilig, Brüderchen.“ Dann wurde er ernst. „Ich brauche Geld, nicht viel, aber genug, um über die nächsten Wochen zu kommen.“

         „Du hast also alles durchgebracht“, nickte Steve. „Ich habe es geahnt. Vater hat schon gewusst, warum er dir nur den Pflichtteil vermacht hat. Warum sollte ich dir jetzt Geld geben?“

         „Weil du mein Bruder bist und...“ Hal zögerte einen Herzschlag lang. „Und weil ich sonst in der ganzen Stadt erzähle, dass deine Geschäfte nicht astrein sind. Gut, gut, ich kenne dich. Du hast dir nie krumme Dinger geleistet, aber ein Gerücht verbreitet sich schnell, und die meisten werden es für bare Münze halten.“

         Steve starrte seinen Bruder entsetzt an. Seine Geschäftspartner würden ihm Gerüchte über dubiose Geschäfte mit Sicherheit sehr übel nehmen.

         „So weit bist du also schon gesunken.“

         Hal zuckte nur die Achseln.

         Steve ging zur Bar und schüttete sich einen Drink ein. Mit dem Glas in der Hand drehte er sich um und sah dann seinen jüngeren Bruder geringschätzig an. „Tut mir leid. Selbst wenn ich wollte, ich könnte dir kein Geld geben, Hal. Nicht in diesem Moment. Verschwinde, ehe ich die Polizei rufe.“

         Hal starrte seinen Bruder an. Diese Reaktion hatte er nicht erwartet.

         Plötzlich kam Steve näher. In seinen Augen blitzte etwas, das Hal Angst machte. Ohne zu überlegen zog er die Pistole aus der Innentasche und schoss, ehe Steve überhaupt reagieren konnte. Wie ein gefällter Baum stürzte Steve zu Boden.

         Ganz langsam wich die Starre von Hal. Er hatte doch nur Geld haben wollen. War das etwa zu viel verlangt von jemandem, der Millionen besaß? Außerdem war es Notwehr gewesen. Aber wer würde ihm das glauben?

         Nur ruhig bleiben, sagte Hal sich. Niemand wusste, dass er heute aus Jamaika gekommen war. Wenn er alles ein bisschen in Unordnung brachte, würde die Polizei nach einem Einbrecher suchen, den Steve überrascht hatte.

         Hal schlug das Fenster ein, nahm ein Tuch und wischte über die Ledercouch. Das war alles, was er angerührt hatte.

         Als er wenig später im Schreibtisch eine Banderole von Hundertdollarscheinen fand, verließ er recht zufrieden Steves Villa.

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         Hal stieg gut gelaunt aus dem Pool des Hotels. Vorgestern bei seiner Ankunft wusste er noch nicht, wie er es bezahlen sollte, aber jetzt war er fein raus. Über zwanzigtausend Dollar hatte er bei Steve mitgehen lassen, die sicher in dem kleinen Wandtresor in seinem Zimmer lagen. Und seit zwei Tagen genoss er nun das sorgenfreie Leben.

         An der Rezeption wurde er von zwei Männern in Empfang genommen.

         „Mister Hal Stanford?“ fragte einer von ihnen.

         Hal nickte.

         „Ich bin Sergeant Marvin, das ist mein Kollege Faldon. Haben sie einen Augenblick Zeit für uns?“

         Hal nickte. „Um was geht es denn?“

         „Um Ihren Bruder Steve“, sagte der Sergeant. „Er wurde gestern Morgen von dem Hausmädchen tot in seiner Villa aufgefunden. Nach Ansicht des Arztes ist er schon am Mittag zuvor ermordet worden.“

         „Das ist doch nicht möglich.“

         „Leider doch. Er wurde erschossen, ein Fenster ist aufgebrochen.“

         „Ein Einbrecher?“ Entsetzen war in Hals Gesicht zu sehen. Er spielte seine Rolle perfekt.

         „So sollte es aussehen, aber es ist eine falsche Fährte. Mister Stanford, es war nicht schwer, heraus zu finden, dass Sie der einzige Verwandte Ihres Bruders sind und demnach alles erben werden. Es dauerte allerdings einen Tag, bis wir Ihre Spur von Jamaika bis hierher aufnehmen konnten. Wir haben alle Autovermietungen in der Nähe des Flughafens abgeklappert, bis wir diejenige fanden, bei der Sie einen Wagen gemietet und dieses Hotel als Adresse angegeben haben.“

         Hal hätte sich vor Wut am liebsten die Zunge abgebissen. Warum hatte er nicht eine andere Adresse angegeben? Aber wie konnte er denn auch ahnen, dass der Besuch bei Steve so unglücklich enden würde.

         „Sie waren noch nicht bei Ihrem Bruder?“ Die Frage kam völlig überraschend, aber Hal hatte sich in der Gewalt.

         „Nein. Wir gehen uns aus dem Weg. Ich bin vom Flughafen direkt hierher gefahren.“

         Der Sergeant nickte. „Als wohlhabender Mann hatte Ihr Bruder natürlich viele Feinde. Seit einiger Zeit wurde er sogar erpresst. Aber er wollte keinen Polizeischutz und niemanden in der Nähe seiner Villa. Vielleicht hätten wir dann den Mörder schon geschnappt.“

         Hal schluckte krampfhaft und schloss die Augen. Da hatte er ja noch einmal Glück gehabt.

         „Der Erpresser verlangte hunderttausend“, sprach der Sergeant weiter. „Die erste Rate von zwanzigtausend Dollar sollte in zwei Tagen übergeben werden. Das Geld ist aus der Villa Ihres Bruders verschwunden. Aber die Seriennummern der Banknoten sind registriert. Damit, so hofften wir, würden wir den Erpresser stellen können. Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir einmal Ihr Hotelzimmer durchsuchen? Nur, damit wir sicher sein können, dass nicht Sie der Erpresser und Mörder sind, Mister Stanford.“