IN DIE FALLE GELOCKT

 

         Max Papenberg saß in seinem Ledersessel vor dem Kamin und sah seinen Neffen Jochen und seine Nichte Julia unbarmherzig an.

         „Ich wiederhole mich nur ungern“, sagte Max mit einem eisigen Ton in der Stimme. „Aber ich bin es leid, euch weiterhin mit Geld zu unterstützen.“

         Er klopfte auf einen Berg weißer Blätter, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Jochen und Julia wußten, daß es sich um Rechnungen und Schuldscheine handelte. Bisher hatte Max Papenberg sie immer großzügig beglichen und Jochen und Julia darüber hinaus auch noch Geld gegeben. Die beiden hatten die Situation, die einzigen Verwandten von Onkel Max zu sein, schamlos ausgenutzt, aber nun waren sie offenbar zu weit gegangen.

         Onkel Max hatte sie durchschaut. „Alles in allem über Hunderttausend €URO“, zischte er leise. „Und das nennt ihr ein bißchen. Nein. Mein letztes Wort: Sucht euch Arbeit und verdient Geld. Erst dann könnt ihr zu mir zurück kommen.“

         Und ohne ein weiteres Wort stand er auf und verließ das Zimmer.

         Jochen und Julia Papenberg sahen sich entsetzt an, als die Tür hinter ihrem Onkel hart ins Schloß gefallen war. Minutenlang waren sie unfähig, etwas zu sagen.

         „Das war deutlich“, sagte Jochen endlich.

         Sie nickte. „Was machen wir denn jetzt?“

         „Du hast es doch gehört – arbeiten.“

         Sie lachte hart auf. „Als wenn du dir die Finger schmutzig machen könntest. Nein, Jochen, was wäre, wenn Onkel Max etwas zustoßen würde? Wir sind doch seine einzigen Erben.“

         Jochen zuckte erschrocken zusammen. „Vergiß es, Julia. Das ist nicht der richtige Weg.“

         Er stand auf und trat ans Fenster. „Wir müssen noch einmal in aller Ruhe mit ihm reden. Wir warten ein paar Tage. Dann hat sich sein Zorn wieder gelegt.“

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         Die beiden Streifenpolizisten staunten nicht schlecht, als sie den jungen Förster sahen. Mit seinem Jagdgewehr zielte er auf einen blonden Mann, der jetzt geradezu erleichtert aufblickte, als die beiden Polizisten sich näherten.

         „Ich habe Sie angerufen“, sagte der Förster. „Kommen Sie bitte mit.“

         Während einer der Polizisten zurückblieb, folgte der andere dem Förster über frisch geschlagene Fichten, die den Weg bedeckten. Unter einem Stamm lag ein toter Mann.

         „Das ist Max Papenberg“, sagte der Förster.

         „Sie haben ihn gefunden?“ fragte der Polizist.

         „Ja. Ich befand mich auf einem Rundgang, um weitere Fichtenstämme zu kennzeichnen. Diese hier wurden heute morgen geschlagen und sollen schon morgen früh abgeholt werden. Herr Papenberg traf die Entscheidung erst gestern abend. Beim Näherkommen bemerkte ich eine Gestalt, die sich über irgend etwas beugte. Dann erkannte ich den Mann. Es war Harald Hauser, und am Boden entdeckte ich den toten Max Papenberg.“

         „Wie hat Herr Hauser reagiert, als Sie ihn überraschten?"

         „Er hat immer wieder beteuert, daß er mit dem Mord nichts zu tun habe. Aber das müssen Sie klären.“

         Der Polizist nickte. Er griff zu seinem Telefon. Die Mordkommission würde schon wissen, was zu tun war.

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         Kommissar Hillmann lenkte seinen Wagen selbst zur Lichtung „Freien Stuhl“, wo man den Toten gefunden hatte. Er war bereits über alles informiert und glaubte an eine schnelle Aufklärung des Verbrechens.

         Papenberg hatte seinem Kompagnon Hauser geschäftswidriges Verhalten nachweisen können und ihn ohne große Abfindung hinaus geworfen.

         Das verkraftet ein Mann nicht so ohne weiteres, wenn er jahrelang geschuftet hat, um sich eine Existenz aufzubauen.

         Der Kommissar sprach Harald Hauser sofort darauf an.

         „Natürlich habe ich mich nicht gefreut, als Max mich hinauswarf. Hätten Sie einen Luftsprung getan? Aber deswegen bringe ich doch keinen Menschen um, Herr Kommissar.“

         „Was hatten Sie denn ausgerechnet heute hier an dieser Stelle zu suchen, Herr Hauser?“

         „Max hat mich angerufen und um eine Aussprache gebeten. Ich konnte ihn kaum verstehen, aber er beharrte auf diesem Treffpunkt, obwohl er stark erkältet war. Ich fuhr los, wartete etwa zehn Minuten, in denen ich umher ging. Und dann fand ich ihn. Im selben Moment kam auch schon der Förster.“

         Ein seltsamer Zufall, finden Sie nicht auch?“

         Der Kommissar wurde unterbrochen, denn ein Beamter brachte ihm die Mordwaffe.

         „Sie lag im Moos, neben einem Baum“, erklärte der Beamte.

         Der Kommissar sah Harald Hauser an. „Kennen Sie die Waffe?“

         Hauser wurde noch eine Spur bleicher. „Das ist Max Papenbergs Pistole“, sagte er. „Wir haben sie damals zusammen gekauft, um gegen eventuelle Einbrecher gewappnet zu sein. Max Papenberg besaß einen amtlichen Waffenschein.“

         „Demnach werden wohl auch Ihre Fingerabdrücke auf der Waffe sein, nicht wahr?“

         „Das ist möglich“, nickte Harald Hauser.

         „Hatte Herr Papenberg noch Verwandte?

         „Einen Neffen und eine Nichte. Aber Max mochte sie Neffen nicht. Er sagte immer, sie warten nur auf sein Erbe, damit sie das Geld in Nachtbars und auf Rennbahnen ausgeben könnten.“

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         Jochen Papenberg zeigte sich betroffen, als ihn Kommissar Hillmann vom Tod seines Onkels unterrichtete. Er mußte sich setzen.

         „Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, aber ich kann es nicht begreifen. Wo haben Sie Onkel Max gefunden?“

         „Bei der Lichtung „Freien Stuhl“. Sie kennen die Gegend?“

         „Natürlich. Der Wald gehört doch meinem Onkel. Als Kind war ich oft genug dort. Fast jeden Baum kenne ich, einige habe ich selbst gepflanzt. Aber haben Sie gesehen, wie viele Bäume krank sind? Ein Jammer. Nun liegen die schönsten Fichten abgeholzt am Boden, sind morgen vielleicht schon zu wertlosen Brettern zersägt. Onkel Max mochte den Wald so wie ich. Erst vor einer Woche habe ich noch mit ihm gesprochen.“

         „Sie haben Ihren Onkel solange nicht gesehen?“ fragte der Kommissar überrascht.

         „Nein.“

         „Worum ging es bei diesem Gespräch mit Ihrem Onkel?“

         Jochen winkte ab. „Um geschäftliche Dinge.“

         „Können Sie sich etwas genauer ausdrücken?“

         „Nun, wir waren nicht immer einer Meinung. Ich gebe zu, Julia und ich haben uns nicht sehr um das Wohl der Firma gekümmert, aber...“

         „Wo ist sie?“ unterbrach ihn der Kommissar.

         „Meine Schwester ist oben in ihrem Zimmer. Wenn Sie es wünschen, rufe ich sie.“

         „Ich bitte darum.“

         Julia Papenberg erschien wenig später. Jochen lief ihr entgegen und ergriff ihre Hand.

         „Julia, Onkel Max ist tot, ermordet. Das ist Kommissar Hillmann von der Mordkommission. Ist das alles nicht schrecklich?“

         Julia nickte nur leicht. Sie sah den Kommissar an. „Wer hat ihn gefunden?“

         Der Kommissar sagte es ihr.

         „Harald Hauser also“, murmelte sie. „Das hätten wir uns doch gleich denken können. Hat er schon gestanden?“

         „Hauser gibt an, Ihr Onkel habe ihn zu der Lichtung bestellt. Wissen Sie etwas davon?“

         „Nein, aber möglich ist es, obwohl Onkel Max nie mehr etwas mit Hauser zu tun haben wollte. Hat er Ihnen erzählt, daß Onkel ihn rausgeworfen hat?“

         „Ja.“

         „Na also“, nickte Jochen. „Er ist seitdem völlig pleite. Und aus Wut über sein Los hat er Onkel getötet. War es nicht so?“

         „So könnte es sein“, nickte der Kommissar. „Aber noch ist nichts bewiesen.“ Er sah an ihnen vorbei zur Treppe. „Sie waren heute den ganzen Tag über hier, nehme ich an.“

         Die Frage kam unverhofft, aber Jochen nickte fast gleichgültig. „Wir haben das Haus noch gar nicht verlassen, Herr Kommissar.“ Er lächelte verlegen. „Gestern abend ist es etwas spät geworden und deshalb haben wir lange geschlafen.“

         Etwas anderes hatte der Kommissar nicht erwartet. „Ich möchte Sie bitten, morgen ins Präsidium zu kommen, um ein Protokoll aufzunehmen. Vielleicht kann ich Ihnen dann schon Näheres sagen.“

         Der Kommissar fuhr noch einmal zum Tatort. Die Spurensicherung war bereits abgeschlossen, aber die Ergebnisse waren sehr dürftig. Zu viele Spuren waren auf dem weichen Waldboden zertreten worden.

         Der Kommissar wollte schon zurück zum Präsidium, als er sah, daß der junge Förster noch im Wald war. Dem Kommissar fiel ein, daß er den Förster noch gar nicht richtig befragt hatte. Vielleicht konnte der ihm ja weiter helfen.

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         Jochen Papenberg war am anderen Morgen pünktlich im Präsidium.

         „Meine Schwester Julia braucht noch etwas Zeit“, erklärte er. Erst jetzt bemerkte er Harald Hauser. Jochen kniff die Augen zusammen.

         „Hat man dich also doch verhaftet. Warum hast du Onkel Max umgebracht?“

         „Rede keinen Unsinn, Jochen“, antwortete Harald Hauser aufgebracht. „Ich war es nicht. Dein Onkel hatte mich nur zu einem Treffen in den Wald bestellt. Weswegen wußte ich nicht.“

         „Er lügt, Herr Kommissar. Er hat sogar mehrmals gedroht, es Onkel Max heimzahlen zu wollen. Dafür gibt es genug Zeugen. Er hat Onkel Max in den Wald gelockt und nicht umgekehrt. Onkel Max war erkältet, er wäre in diesem Zustand nie auf die Idee gekommen, in den Wald zu gehen.“

         Jochen lächelte bösartig und sah sich triumphierend nach dem Kommissar um, doch der war die ganze Zeit über mit angespanntem Gesicht im Zimmer hin und her gegangen. Plötzlich schlug er sich an die Stirn. Natürlich! Das war es.

         „Was haben Sie, Herr Kommissar?“ fragte Jochen, der nervös geworden war.

         Der Kommissar blieb stehen und sah ihn lange an. „Ich glaube, Sie irren sich, Herr Papenberg“, sagte er leise. „Sie selbst haben Ihren Onkel erschossen und ihn dann zur Lichtung „Freien Stuhl“ gebracht.“

         „Wie...?“ fragte Jochen verwirrt.

         „Bei meinem ersten Besuch haben Sie sich schon verraten. Sie sprachen von den schönen Fichten, die nun leider abgeholzt waren. Ich weiß aber von dem Förster, daß die Entscheidung, die Fichten zu fällen, erst gestern abend von Ihrem Onkel und dem Förster getroffen wurden. Sie waren nicht dabei, wußten es aber dennoch.“

         Jochen Papenberg starrte ihn entsetzt an.

         „Sie waren also an dem Ort, wo man Ihren Onkel fand. Und Ihr Onkel war nicht krank. Das hätte mir der Förster ganz bestimmt gesagt. Sie selbst haben Harald Hauser mit krächzender Stimme angerufen und ihn zur Lichtung bestellt, damit wir ihn als Verdächtigen verhaften sollten. Als Sie die abgeholzten Fichten sahen, wußten Sie aus langjähriger Erfahrung, daß der Förster nicht weit entfernt war, um sie zu kennzeichnen. Sie konnten in Ruhe abwarten, was weiter passiert, zumal Sie die Pistole, auf der ganz sicher noch Hausers Fingerabdrücke sein mußten, für den Mord an Ihrem Onkel benutzten. Was sagen Sie dazu?“

         Jochen Papenberg sackte zusammen. Er leugnete nicht weiter, aber er bereute, daß er sich von Julia zu diesem Mord hatte anstiften lassen.

 

E N D E