VERHÄNGNISVOLLER FEHLER

 

 

 

 

NANCY PARKER

 

DIE FRAU MIT DEM KRIMINALISTISCHEN INSTINKT

 

Nancy Parker, die 58jährige Witwe des ehemaligen Chefinspektors Arthur Parker von Scotland Yard, gerät immer wieder in mysteriöse Mordfälle. Sehr zum Leidwesen des neuen Chefinspektors Ron Durling. Er ist Arthur Parkers Nachfolger geworden. Aber Nancy imponiert und überrascht Ron Durling mit einem kriminalistischen Gespür, das sie ganz offenbar bei ihrem Mann gelernt hat...

 

 

         Percy Tyler nahm einen kräftigen Schluck aus der Wermutflasche und reichte sie Steve Laski zurück.

         „Wo kommst du her, Kumpel?“ fragte Steve. Erst vor wenigen Minuten hatten sie sich kennengelernt.

         „Ich habe versucht, mir eine Existenz aufzubauen, aber ich bin gescheitert.“ Was ging es Steve Laski an, daß er drei Jahre wegen Raub gesessen hatte.

         Steve nickte. „Wir Obdachlose sind vom Pech verfolgt. Dagegen gelingt anderen Menschen alles. Wenn ich nur an Thompson denke. Sein Juweliergeschäft ist eine Goldgrube.“

         Am Nachmittag blieb Percy in der Nähe von Thompsons Juweliergeschäft stehen. Ein Baugerüst stand an der Fassade. Die Hauswand wurde neu gestrichen.

         Percy ließ sich auf der anderen Straßenseite nieder und legte seinen Hut offen vor sich hin. Vielleicht erbarmte sich ja einer der Juwelierkunden.

         Am nächsten Tag sah Percy, daß Thompson mit seiner Frau in sein Auto stieg und losfuhr. Percys Blick schweifte wie immer an der Hausfassade des Juwelierladens empor. Was war das? Er rutschte etwas zur Seite, um besser sehen zu können.

         Tatsächlich! Im zweiten Stock, vom Baugerüst fast völlig verdeckt, stand ein Fenster halb offen.

         Er überlegte. Bot sich ihm hier eine unerwartete Chance? Die Bau­arbeiter hatten längst Feierabend, und das Baugerüst stand einladend an der Hausfassade. Bestimmt gehörte Thompson auch zu den Menschen, die wenigstens etwas Bargeld griffbereit liegen hatten.

         Percy wartete nicht länger.

         Niemand achtete auf den Penner, der hinter Brettern über das Baugerüst in die zweite Etage gelangte. Percy zog sich dünne Wollhandschuhe an und öffnete das Fenster soweit, daß er hindurch schlüpfen konnte.

         Er befand sich direkt im Arbeitszimmer. Hastig durchwühlte er die Schubladen. In dem Moment, als er sich enttäuscht wieder aufrichtete, entdeckte er den Umschlag. Er lag ein wenig versteckt auf dem Schreibtisch unter einer goldenen Uhr. „Für Helena“ stand auf dem Couvert. Vermutlich war sie die Haushälterin.

         Percy stieß einen Überraschungsschrei aus, als er den Umschlag öffnete. Das war mehr als er je erhofft hatte. Er steckte das Geld ein und zögerte. Die goldene Armbanduhr war zu wertvoll. Sicher würde er sie später an einen Hehler verscherbeln können...

         „He, was machen Sie denn da? Wer sind Sie?“

         Percy war einem Herzschlag nahe. Wie im Trance drehte er sich um. In der Tür stand eine Frau mit einer weißen Schürze und einem Eimer in der Hand.

         Percys Gedanken überschlugen sich. Wenn sie zu einer Putzkolonne gehörte, würde sie sofort schreien, wenn er näher kam. Also mußte er sie zu sich locken.

         „Hier sind Unterlagen, die ich für Mr. Thompson gebracht habe. Sehen Sie selbst.“

         Der Bluff wirkte. Als sie sich über den Schreibtisch beugte, ergriff Percy den Briefbeschwerer. Mit einem Seufzer sackte die Frau zusammen.

         Percy atmete tief durch. Niemand würde eine Verbindung zwischen ihm und den Thompsons ziehen können. Sie waren sich noch nie im Leben begegnet. Und Fingerabdrücke hatte er auch nicht hinterlassen.

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         Es war für Nancy Parker immer wieder ein Vergnügen, in den Modehäusern zu shoppen. Mit ihren 58 Jahren hatte sie noch eine Figur, um die sie manche jüngere Frau beneidete. Arthur hatte sie nie begleitet. Er hatte es lieber, wenn sie ihm mal eine Hose oder ein Hemd mitbrachte. Nancy kannte seinen Geschmack und kaufte immer das richtige – jedenfalls hatte sie stets den Eindruck gehabt.

         Sie ließ sich die Kleidungsstücke einpacken, zahlte und ging gedankenverloren durch die Herrenabteilung. Etwas wehmütig dachte sie daran, daß sie nun nichts mehr für Arthur zu kaufen brauchte.

         Gegenüber stand ein Mann in zerschlissener Kleidung. Er hatte mehrere Hosen und Pullis auf dem Tisch, kramte in seiner Tasche herum und legte dann mit dem Geld eine Bahnfahrkarte auf den Tisch.

         Nancy warf nur noch einen flüchtigen Blick auf den Mann. Dann ging sie hinaus. Wenig später hatte sie der Strom der Menschen aufgenommen.

         Plötzlich blieb sie stehen. Der Mann neben dem Polizeiwagen am Ende der Fußgängerzone war nicht zu übersehen. Nancy drängte sich neben ihn.

         „Ron...? Tatsächlich. Sie sind es.“

         Neben Ron Durling, dem Nachfolger ihres Mannes Arthur als Chefinspektor beim Yard, stand ein älteres Ehepaar. Die Frau war einem Weinkrampf nahe.

         „Nancy.“ Er verzog das Gesicht. „Ich hätte mich schon gewundert, wenn Sie nicht aufgekreuzt wären.“

         Es sollte ironisch klingen, aber es gelang ihm nicht, denn die Situation war offenbar zu ernst. Ron Durling deutete auf das ältere Ehepaar.

         „Das sind Mister und Mrs. Thompson. Sie kamen vor einer halben Stunde von einem kurzen Einkaufstrip zurück. Dabei bemerkten sie, daß in ihre Wohnung eingebrochen wurde. Eine wertvolle goldene Uhr und fünftausend Pfund wurden gestohlen. Das Geld war ein Hochzeitsge­schenk für Thompsons Tochter Helena. Aber das ist nicht das Schlimmste, sondern Edna, die Putzhilfe, wurde von dem Einbrecher brutal erschlagen.“

         Mrs. Thompson schluchzte.

         Sie tat Nancy leid, aber sie konnte ihr auch keinen Trost spenden. Plötzlich stockte Nancy in ihren Gedanken so abrupt, daß sie sich fast verschluckte. Was hatte der Chefinspektor gerade gesagt? In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander, und dann ergriff sie hastig Ron Durlings Arm.

         „Ron, Sie müssen sofort zum Bahnhof.“

         Er fragte nicht nach, er starrte sie nur einen flüchtigen Augenblick an, dann gab er den Befehl, zum Bahnhof zu fahren.

         Sie fanden Percy Tyler im Restau­rant. Seine alte Kleidung hatte er gegen neue eingetauscht.

         „Ist er das?“ fragte Ron Durling.

         Nancy nickte.

         „Ich bin Chefinspektor Durling von Scotland Yard“, sagte Ron Durling zu Percy Tyler. „Bei Mr. Thompson, dem Juwelier, ist eingebrochen worden. Dabei wurde leider auch seine Putzhilfe erschlagen.“

         „Was habe ich damit zu tun?“

         Ron Durling deutete auf Nancy. „Dies ist Mrs. Parker. Ihr verstorbener Mann war lange Jahre Chefinspektor bei Scotland Yard. Von ihm hat sie kriminalistischen Instinkt und Beobachtungsgabe gelernt.“

         Ron ergriff blitzschnell Percys linken Arm, schob den Ärmel hoch und deutete zufrieden auf Percys Handgelenk. „Bei dem Einbruch wurde auch eine Uhr gestohlen. Sie hatten sie schon um, als Sie in das Herrengeschäft kamen.“

         Er lächelte. „In Ihrer zerlumpten Kleidung und mit einer solchen Uhr sind Sie Mrs. Parker sofort aufgefallen. Sie waren auch noch so freundlich, Ihre Fahrkarte auf den Verkaufstisch zu legen. So konnte Mrs. Parker uns sagen, wo wir Sie finden. Kommen Sie bitte mit. Ich muß Sie festnehmen.“