BITTERER KAFFEE

 

 

 

 

NANCY PARKER

 

DIE FRAU MIT DEM KRIMINALISTISCHEN INSTINKT

 

Nancy Parker, die 58jährige Witwe des ehemaligen Chefinspektors Arthur Parker von Scotland Yard, gerät immer wieder in mysteriöse Mordfälle. Sehr zum Leidwesen des neuen Chefinspektors Ron Durling. Er ist Arthur Parkers Nachfolger geworden. Aber Nancy imponiert und überrascht Ron Durling mit einem kriminalistischen Gespür, das sie ganz offenbar bei ihrem Mann gelernt hat...

 

         Das trübe Regenwetter war nun auch in London vorüber. Endlich schien die Sonne von einem blauen Himmel, und Nancy Parker mußte lange suchen, bis sie noch einen freien Platz in einem der unzähligen Straßencafes ergatterte.

         Bei einer starken Tasse Kaffee und einem leckeren Stückchen Kuchen betrachtete sie die Menschen.

         Sie mochte es, die einzelnen Personen zu beobachten und bestimmten Charakteren zuzuordnen. Das schulte das Gedächtnis. Arthur hatte nie Gedächtnislücken gehabt. Das wäre bei seinem Beruf als Chefinspektor von „Scotland Yard“ auch ein unverzeihlicher Fehler gewesen.

         Nebenan saß eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Ein verliebtes Paar ein paar Tische weiter ließ sich durch die anderen nicht bei zärtlichen Küssen stören. Daneben langweilten sich zwei junge Männer.

         Nancys kriminalistischer Instinkt war plötzlich geweckt. Heckten die beiden irgend etwas aus? Nancy sah sich um. Es gab ein Reihe teurer Geschäfte in der Straße, aber sie waren meist sehr gut gesichert.

         Naja, vielleicht sah sie auch schon Gespenster. In letzter Zeit war in diesem Stadtteil viel passiert. Ron Durling, Arthurs Nachfolger beim Yard als Chefinspektor, hatte alle Hände voll zu tun. Sie konnte ihn unmöglich anrufen, nur weil sie glaubte, zwei merkwürdige Gestalten zu sehen.

         Etwa drei Tisch weiter saß ein gut gekleideter Mann. Seine schwarzen Haare waren gepflegt, sein Schnauzer buschig. Er trank schon den fünften Kaffee mit zuviel Zucker.

         Wie Arthur, dachte Nancy. Auch der Kellner schaute etwas pikiert. So was war er wohl nicht gewohnt.

         Plötzlich hoben alle die Köpfe. Einige Polizeiwagen rasten mit eingeschalteten Sirenen am Cafe vorbei. Nicht weit entfernt hielten sie an.

         Nancys Neugier siegte. Sie zahlte und ging. Als sie um die Straßenecke bog, blieb sie abrupt stehen. Ein Mann lag auf dem Straßenpflaster. Zwei Sanitäter deckten ihn gerade mit einer Plane zu.

         „Ron...“

         Sie hatte Chefinspektor Ron Durling entdeckt.

         „Nancy, Sie? Der Geldbote ist überfallen und erschossen worden. Er hatte von dem Antiquitätenhändler Morbanks die Tageseinnahmen abgeholt. Das machte er jeden Tag, und niemand war bisher auf den Gedanken gekommen, daß der alte Morbanks an manchen Tagen eine sechsstellige Summe einnahm. Der Räuber muß ihn wochenlang beobachtet haben. Anders ist der Überfall nicht zu erklären. Tut mir leid, Nancy, aber ich muß mich jetzt um die Spurensicherung kümmern.“

         Er ging hinüber zu seinen Männern.

         Wenig später war die Polizei fertig. Auch Nancy machte sich auf den Weg nach Hause. Unaufhörlich kreisten ihre Gedanken um den Überfall. Sie schüttelte über die Dreistigkeit des Raubmörders den Kopf. Er hatte es in Kauf genommen, von den Passanten beobachtet zu werden. Das bedeutete doch, daß er sich seiner Sache ziemlich sicher sein mußte.

         Zu Hause hatte Nancy begonnen, Arthurs Habseligkeiten zu ordnen und auszusortieren. Ein paar Dinge gehörten „Scotland Yard“. Man hatte sie nicht gedrängt, aber nun beschloß sie, die Sachen am nächsten Tag zurück zu bringen.

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         Im Yard herrschte große Aufregung. Nancy gab die Tasche ab und ging dann über den Flur zu Ron Durlings Zimmer. Natürlich war sie auch neugierig, wie weit er im Fall des Geldboten war. Seine Stimme drang laut und unbeherrscht durch die Tür.

         Nancy wollte gerade klopfen, als ein Mitarbeiter heraus kam. Für einen flüchtigen Augenblick konnte sie dabei in den Raum sehen, und plötzlich war sie wie elektrisiert. Bei Chefinspektor Ron Durling befand sich der schwarzhaarige Gentleman, der gestern während des Überfalls in Nancys Nähe gesessen hatte.

         Nancy hielt den Mitarbeiter an, der wieder in den Raum zurück wollte. „Wer ist das?“

         Der Beamte kannte Nancy. „Bruce Corbett. Der Kerl ist bockig wie ein Esel. Dabei ist er von der Angestellten des alten Morbanks eindeutig identifiziert worden. Aber er will ein Alibi haben.“

         Nancy starrte ihn entgeistert an. „Sie meinen, Corbett hat den Geldboten überfallen?“

         „Ja, sicher.“

         „Das ist unmöglich. Er saß fast direkt neben mir, als es passierte.“

         Der Beamte zögerte merklich. „Na, da wird sich Ron Durling aber freuen. Kommen Sie mit.“

         Chefinspektor Ron Durling sah ungehalten auf, als Nancy den Raum betrat. „Mrs. Parker, bitte, auch wenn dies das Büro Ihres verstorbenen Mannes war, dürfen Sie nicht einfach hier herein platzen.“

         Nancy warf Bruce Corbett einen aufmunternden Blick zu, den dieser aber hochnäsig ignorierte. Vor ihm standen eine Kaffeekanne und eine leere Tasse.

         „Ron, es tut mir leid, aber Sie müssen Mr. Corbett laufen lassen“, sagte sie etwas gegen ihre Überzeugung, denn das arrogante Verhalten des Schwarzhaarigen ärgerte sie. „Er saß gestern während des Überfalls keine drei Tische von mir entfernt.“

         Ron Durling sah aus, als habe er auf eine Zitrone gebissen. Corbett lachte auf.

         „Das ist ja großartig“, jubelte er. „Ich hätte nie gedacht, daß ich so schnell eine Entlastungszeugin auftreiben kann. Danke, Ma´am.“ Er sah den Chef-inspektor an. „Kann ich jetzt gehen?“

         Ron Durling nickte mühsam beherrscht.

         „Warten Sie doch noch einen Moment“, rief Nancy Parker einer plötzlichen Eingebung folgend. Ihr Gesicht war seltsam verkniffen, ihre Augen huschten über den Tisch, als suche sie etwas. Sie griff nach der Kaffeekanne. „Nehmen Sie doch noch eine Tasse.“

         „Gern.“

         „Zucker?“

         „Nein, danke. Ich bin Diabetiker.“

         In diesem Moment glitt ein Lächeln über Nancys Gesicht. „Ich wußte doch, daß etwas nicht stimmt. Sie haben es geschickt angestellt, Mr. Corbett. Aber Sie haben einen Fehler gemacht.“

         Bruce Corbett sah sie völlig verständnislos an.

         „Auch der Kellner wird wie ich bestätigen, daß Sie gestern im Cafe waren. Aber Sie saßen gestern nicht dort, denn der Mann im Cafe nahm zu jedem Kaffee vier Löffel Zucker, während Sie als Diabetiker keinen Zucker nehmen dürfen. Inspektor, Sie sollten eine Ringfahndung starten. Ich bin sicher, Sie werden bald auf einen Zwillingsbruder stoßen.“

         Bruce Corbett stieß einen Fluch aus, aber er ließ sich widerstandslos festnehmen.

         „Wie wär´s, Nancy, wenn ich Sie zu einer Tasse Kaffee einlade?“ fragte Ron Durling.

         „Gern, Ron. Ich kenne auch ein hübsches Cafe.“