|
DIE TOTE IM MOOR |
|
Joan war zweiundzwanzig, als Kenneth
Morgan sie kennenlernte. Er war sofort rettungslos in sie verliebt, denn sie
war so zart und so zerbrechlich, und sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab.
Als er von Heirat sprach, warnten ihn seine Freunde. Joan sei eine Frau, die
die Blicke der Männer auf sich zog und nur nach seinem Geld aus sei. Nicht mal
ein halbes Jahr gaben sie ihrer Ehe.
Jetzt war er schon über zwei Jahre mit
Joan verheiratet, und alle hatten sich geirrt.
An diesem Nachmittag kam Kenneth früher
als sonst aus dem Büro zurück. Den ganzen Tag schon hatte er Übelkeit verspürt
und sich dann die letzten Stunden frei genommen. Den fremden Wagen auf der
Straße registrierte er kaum. Er fuhr in die Garage und ging dann durch die
Verbindungstür ins Haus. Noch auf der Treppe hörte er Stimmen. Als er näher
kam, merkte er, daß sie aus dem Schlafzimmer drangen, und sie waren eindeutig.
Kenneths Herz drohte auszusetzen, als
er Joan mit dem schwarzhaarigen Mann im Bett erwischte. Und nur weil er nicht
im Vollbesitz seiner Kräfte war, konnte der junge Mann mit einem Sprung durchs
Fenster entkommen. Joan allerdings raffte nur noch das Bettlaken über ihren
nackten Körper und sah Kenneth beschwörend an.
„Kenneth, bitte... es ist nicht
so, wie du denkst...“ Sie bemerkte wohl, daß sie Unsinn redete und brach
ab.
Kenneth ging wie im Trance auf sie zu,
und ehe sie sich versah, hatte er schon seine Hände um ihren Hals geklammert.
Er drückte so lange zu, bis sie leblos zusammensackte.
Kenneth Morgan setzte sich auf die
Bettkante und sah seine tote Frau an. Wie lange trieb sie es schon? fragte er
sich. Jetzt verstand er auch plötzlich das heimliche Geflüster seiner Freunde,
wenn er mit ihnen zusammen war. Sie wußten es also alle. Sie hatten doch recht
gehabt. Joan hatte ihm von Anfang an Hörner aufgesetzt.
Kenneth ging zu dem kleinen
Medizinschrank ins Bad, nahm nach kurzem Suchen ein paar Tabletten heraus und
spülte sie mit einem kräftigen Schluck Wasser hinunter. Als es ihm bald darauf
etwas besser ging, dachte er nach. Zunächst mußte er die Leiche verschwinden
lassen und dann das Gerücht in die Welt setzen, Joan habe ihn verlassen.
Vermutlich sei sie nach Kanada ausgewandert. Davon hatten er und Joan vor ihrer
Hochzeit des öfteren gesprochen.
Nicht weit von seinem Haus entfernt
begann die Einöde des Bodmin Moores. Noch in
derselben Nacht schaffte Kenneth Morgan die Leiche aus dem Haus und vergrub sie
bei fahlem Licht des Mondes im Moor. Am Morgen darauf gab er bei der Polizei
eine Vermißtenanzeige auf.
Es schien, als glaube man seinen
Erklärungen, zumal viele andere Joans Erzählungen von Kanada gehört hatten.
Denn über fünf Jahre vergingen, in denen der örtliche Polizist nur ein paar Mal
nachfragte, ob er von Joan inzwischen eine Nachricht erhalten habe oder wann er
ihr hinter reise. Er bleibe lieber in England, gab Kenneth Morgan dann jedesmal
zur Kenntnis.
Er war wieder mit seinem Leben
zufrieden. Auch an diesem drückend heißen Tag, als er mit seinem Wagen in die
Kensington Road zu seinem Haus einbog.
Kenneth war etwas verwundert, als er
etwa hundert Yard neben seinem Haus zwei Kleinlastwagen stehen sah. Er parkte
seinen Wagen in der Einfahrt, stieg aus und ging näher.
´Blooms Gärtnerei` stand an den
Fahrzeugen.
Kenneth sah sich um und bemerkte zwei
Männer, die auf ihn zukamen. Sie trugen schwere Körbe.
„Hallo“, sagte Kenneth. Er
deutete auf die Körbe. „Können Sie mir sagen, was Sie hier machen?“
„Wir stechen Torf und
Erde“, antwortete einer der beiden. „Seit Blooms Gärtnerei einen
neuen Besitzer hat, haben wir endlich wieder Arbeit.“
Kenneth schluckte krampfhaft.
„Wie - wie oft kommen Sie hierher?“
Der Mann zuckte die Schultern.
„In den nächsten Tagen sicher noch. Warum fragen Sie?“
„Ich wohne hier“, sagte
Kenneth. „Ich habe schwer zu arbeiten und möchte, wenn ich heimkomme,
meine Ruhe haben.“
„Wir werden Sie nicht lange
stören, Mister.“ Der Mann tippte noch einmal an seine Mütze und ging mit
seinem Partner davon.
Kenneth Morgan sah ihnen eine Zeitlang
nach. Dann ging er ins Haus. Von seinem Wohnzimmerfenster aus konnte er über
das Bodmin Moor blicken bis zu der Stelle, an der er
Joan vergraben hatte. Sie war sehr weit entfernt. Die Männer konnten unmöglich
auf ihre Leiche stoßen.
Dennoch war er in den nächsten Tagen
sehr nervös, und erst als der Wagen der Gärtnerei nicht mehr vor seinem Haus
stand, atmete Kenneth Morgan auf. Die Gefahr war gebannt.
Umso überraschter war er, als er drei
Tage später vor seinem Haus einen geparkten schwarzen Wagen sah. Als er
ausstieg, bemerkte er, daß unmittelbar vor seinem Grundstück zwei Männer
standen und miteinander sprachen.
Kenneth ging auf die beiden zu.
„Mr. Morgan?“ sprach ihn
der eine an.
„Ja, was führt Sie zu mir?“
„Ich bin Chiefinspektor
Warren von Scotland Yard. Und das ist Mr. Burlington. Er ist der neue Besitzer von Blooms Gärtnerei.
Sie kennen sie?“
„Nein.“ Kenneth schüttelte
den Kopf. „Nicht direkt. Nur zwei Angestellte.“
Der Inspektor nickte. „Bitte Mr. Burlington. Erzählen Sie Mr. Morgan, was Sie mir gesagt
haben.“
Der Mann fuhr sich mit der rechten Hand
durch die Haare und es schien, als suche er einen geeigneten Anfang für seine
Mitteilung.
„Vor einigen Tagen haben wir
draußen im Moor Torf gestochen“, begann Mr. Burlington.
„Einer meiner Mitarbeiter meinte, daß weiter draußen bessere Erde und
feinerer Torf zu finden sei. Ich holte also noch eine weitere Genehmigung ein.
Heute morgen wollten wir dann einen kräftigen
Nachschlag an Torf und Erde holen. Dabei - dabei machten wir eine entsetzliche
Entdeckung.“
„Die Mitarbeiter Mr. Burlingtons sind auf einen Leichnam gestoßen, etwa 300
Meter von Ihrem Hause entfernt“, ergriff der Inspektor das Wort.
„Es handelt sich um eine Frau. Leider ist noch nicht ganz geklärt, wer
die Tote sein könnte. Bisher konnte nur festgestellt werden, daß sie eines gewaltsamen
Todes gestorben ist.“
„Was heißt...
gewaltsamen...?“ fragte Morgtan, mühsam um
Fassung ringend. „Bitte erklären Sie mir das.“
„Die Tote ist durch Ersticken
gestorben, vermutlich wurde sie erwürgt. Aber wie gesagt, die Untersuchungen
dauern noch an...“
Kenneth Morgan hörte dem Inspektor
nicht mehr zu. Eine Tote im Moor, 300 Meter von seinem Hause entfernt. Kein
Zweifel, das war Joan, seine Frau.
„Mr. Morgan, Sie haben Ihre Frau
vor fünf Jahren als vermißt gemeldet?“
Kenneth nickte. „Ja, das stimmt.“
„Nach Lage der Dinge ist zu
vermuten, daß die Tote im Moor Ihre Frau ist. Ich bin auch nur gekommen, um
Ihnen den Fund mitzuteilen, aber vielleicht haben Sie mir im Zusammenhang mit
dem Verschwinden Ihrer Frau etwas zu sagen...“
Erwartungsvoll schaute ihn der
Inspektor an, und Kenneth Morgan erkannte in diesem Moment, daß er verloren
war. Die Untersuchungen würden bestätigen, daß er Joan umgebracht hat. Es gab
keine Rettung für ihn.
„Gut.“ Kenneth nickte
schwer. „Ich sehe, daß ich keine Chance habe. Ich werde Ihnen alles sagen.“
Der Inspektor hörte ihm geduldig zu. Er
unterbrach Kenneth Morgan nicht eine einziges Mal, sondern machte sich während
seiner Aussage eifrig Notizen.
Als Morgan geendet hatte, stand der
Inspektor auf. Sein Gesicht zeigte sofort etwas wie Mitleid.
„Ich muß Sie bitten, mitzukommen.
Sie sind vorläufig festgenommen.“
----
Kenneth Morgan kam in eine
Gefängniszelle, in der er einen Tag und eine Nacht verbringen mußte, ohne daß
er jemanden zu Gesicht bekam.
Am frühen Morgen jedoch erschien der
Inspektor Warren wieder bei ihm.
„Gibt es etwas Neues?“
fragte Kenneth.
„Ja, das kann man wohl
sagen.“ Der Inspektor nickte langam.
„Mr. Morgan, Sie haben mir
gestanden, Ihre Frau getötet zu haben. Vor einer halben Stunde ist die Obduktion
der Leiche beendet worden. Das Ergebnis ist unfaßbar, beinahe unglaublich. Bei
der Toten handelt es sich eine junge Frau, das steht fest. Sie ist erstickt,
auch das ist sicher. Der Arzt weiß jedoch nicht genau, wie lange die Tote schon
im Moor liegt. Aber es kommt auch auf ein paar Jahre nicht an.“
Der Inspektor machte eine Pause, sah
Kenneth Morgan an, aber der schien den Sinn seiner Worte noch nicht begriffen
zu haben.
„Sehen Sie, Mr. Morgan, mit den
Moorleichen ist das so eine Sache. Genauso wie ewiges Eis wirkt auch das Moor
wie eine Mumifizierung...“
Kenneth unterbrach ihn. „Was
wollen Sie damit sagen, Inspektor?“
„Die Tote aus dem Moor ist nicht
Ihre Frau. Der Leichnam liegt wahrscheinlich schon zwei- bis dreihundert Jahre
im Moor. Aber der Gerichtsmediziner ist sich da nicht ganz sicher. Die genaue
Festlegung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Vielleicht wird man wohl
nie erfahren, wer die Tote wirklich war.“
Kenneth Morgan mußte ein Stöhnen
unterdrücken. Er fühlte das Blut in seinen Adern rauschen, sein Kopf dröhnte
und nur im Unterbewußtsein merkte er, wie der Inspektor aufstand und zur Tür
ging. Dort drehte er sich noch einmal um.
„Ach noch etwas, Mr. Morgan. Es
wäre schön, wenn Sie mir die Stelle zeigen, wo Sie Ihre Frau vergraben haben.
Er würde meine Arbeit sehr erleichtern.“