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NACH EIGENEN REGELN |
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Der Wirt der kleinen Gaststätte kam
durch die Tür herein und schüttelte sich.
„Scheußliches Wetter“,
knurrte er zu Dustin Patterson. „Es regnet und friert gleichzeitig. Bleib
noch etwas.“
Patterson zögerte.
„Was du ab jetzt verzehrst, geht
auf Kosten des Hauses“, sagte der Wirt.
Patterson kniff die Augen zusammen. So kannte
er Robin McCorney gar nicht. Seit einiger Zeit war er alles andere als
freundlich zu ihm gewesen. Aber vielleicht steckte doch noch ein guter Kern in
dem alten Schotten, den es vor Jahren in diese einsame Gegend nach Tennessee
verschlagen hatte.
Dustin Patterson ließ sich jedenfalls
nicht zweimal bitten, zumal ein Blick zum Fenster wirklich nichts Gutes draußen
verhieß.
Die Zeit verging, und ehe Dustin sich
versah, war es dunkel geworden. Nun wurde es Zeit für ihn.
„Tschüß dann“, sagte er und
schwankte zur Tür. Teufel, da hatte er die Freigiebigkeit McCorneys doch wohl
zu sehr ausgekostet.
Die Lichter des kleinen Dorfes
leuchteten in der Ferne. Die Straße lag einsam vor ihm, und Dustin fröstelte
etwas, als er an den Heimweg dachte.
Nach einigen Minuten erreichte er einen
schmalen Weg, der seitwärts von der Straße abbog und am Fluß vorbei führte. Er
stockte.
Am Wegrand befand sich unter einem
einzelnen Ahornbaum eine Bank. Und genau dort war es vor nunmehr fast drei
Jahren passiert.
Sein Bruder Conrad und er waren wie zu
ihren Kinderzeiten im Übermut in die Baumkrone geklettert und hatten sich
Geschichten erzählt. Zuerst war es nur ein allgemeines Geplänkel, bis Conrad
von Tracy anfing. Tracy Benson war der Schwarm aller jungen Männer gewesen, und
auch Dustin war in sie vernarrt. Aber sie wollte nichts von ihm wissen.
Überhaupt wollte nie jemand was mit Dustin zu tun haben. Gut, er war jähzornig,
manchmal sogar brutal seinen Mitmenschen gegenüber, aber zu Tracy war er immer
höflich, fast schon galant gewesen. Irgendwann, so hatte Dustin gehofft, würde
sie seine Liebe schon erwidern.
Doch was er an diesem Abend in der
Krone des Ahornbaumes verfuhr, verschlug ihm die Sprache.
„Ich habe sie verführt“,
prahlte Conrad. „Zweimal. Ich weiß, daß du hinter ihr her warst, aber ich
war schneller. Und stell dir vor, Dustin, ich war ihr erster Mann...“
Und dann hatte sich Conrad in allen
Einzelheiten ausgelassen. Dustin aber bekam kaum ein Wort mit. Die Tatsache,
daß sein kleiner Bruder wieder einmal das große Glückslos gezogen hatte, trieb
ihm das Blut ins Gesicht. Dabei hätte er es eigentlich ahnen müssen, denn
Conrad wurde schon immer bevorzugt, dabei nahm er es mit Treue und
Kameradschaft nie so genau. Aber das glaubte niemand. Conrad bekam, was er
wollte. Und ihr Vater hatte ihn in allem, was er tat, noch unterstützt.
Je ausführlicher Conrad erzählte, desto
mehr steigerte sich die Wut in Dustin auf, bis er mit beiden Händen einfach
zustieß.
Conrad war viel zu überrascht gewesen,
hatte sich nicht mehr festhalten können, und war mit einem lauten Schrei vom
Baum gestürzt.
Er hatte noch gelebt, als Dustin bei
ihm ankam.
„Mein Gott, - was hast - du
gemacht...?“ hatte Conrad gestöhnt.
Dustin war wie von Sinnen davon gerannt
und erst Tage später aus seinem Versteck zurückgekommen. Da sagte man ihm, daß
Conrad gestorben und schon begraben war. Dustin hatte den Mord als Unglück
dargestellt. Er sei völlig verzweifelt gewesen und käme deshalb erst jetzt
zurück. Ob ihm geglaubt wurde, wußte Dustin nicht, aber man konnte ihm nicht
das Gegenteil beweisen. Doch seitdem wurde er von dem Schotten Robin McCorney
wie ein Aussätziger behandelt...
Dustin schauderte, als er jetzt im
Dunkeln den Ahornbaum passierte. Bisher hatte er stets darauf geachtet, daß es
noch hell war, wenn er hier vorbei mußte.
Im nächsten Moment fuhr er zusammen. Er
kniff die Augen zusammen. Neben der Bank war ganz unvermittelt ein Mann
aufgetaucht.
Conrad...?
Dustin schüttelte sich. Gaukelten ihm
seine vom Alkohol benebelten Sinne etwas vor? Nein, das war tatsächlich Conrad.
Und er trug doch dieselbe helle Jacke und Baseballmütze wie vor drei Jahren.
Er war also gar nicht tot. Man hatte
ihm damals was vorgemacht, und jetzt war sein Bruder zurückgekommen, um sich zu
rächen.
Dustin griff in seine Jackentasche. Der
kühle Griff eines Pistolenknaufs gab ihm etwas Sicherheit zurück. Er trug diese
Waffe immer bei sich und war jetzt froh darüber.
Dustin ging näher. Unter dem Ahornbaum
war es dunkler. Conrad war verschwunden.
„Conrad...?“
Dustin blieb stehen und lauschte. Aber
nur das Rauschen des Flusses war zu vernehmen.
Plötzlich knackte vor ihm ein Zweig,
dann noch einer, ein dritter. Die Schritte entfernten sich. Conrad floh
offenbar vor ihm, aber Dustin wußte, daß sein Bruder nicht entkommen konnte, denn
in nur zwanzig Metern begann der Fluß, den man an dieser Stelle nicht
überqueren konnte.
Zum Glück für Dustin hatte der eisige
Regen aufgehört. Dustin zog die Pistole heraus, beschleunigte seine Schritte
und schob wütend ein paar Zweige zur Seite. Im nächsten Moment verlor er den
Boden unter den Füßen.
Dustin stieß einen erstickten Schrei
aus. Seine Hände suchten verzweifelt nach einem Halt, aber da war nichts außer
nasser, rutschender Erde. Wie ein dunkles Loch sah er den Fluß auf sich
zukommen, dann tauchte er auch schon in die eisigen Fluten...
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Sie fanden ihn gegen neun Uhr am
nächsten Morgen mehrere Meilen unterhalb der Unglücksstelle. Unter den vielen
Schaulustigen befanden sich auch Ron McCorney und eine junge Frau.
„Er hat seine gerechte Strafe
erhalten“, sagte Ron leise, während er einen Arm um Tracy Bensons
Schultern legte.
„Aber vielleicht hätten wir doch
zur Polizei gehen sollen“, warf sie ein.
„Nein. Nur ich wußte, daß Dustin
seinen Bruder ermordet hatte. Er hat es mir im Alkoholrausch mehrmals erzählt.
Aber ein geschickter Rechtsanwalt hätte Dustins Gefasel als psychosomatische
Störung aufgrund des Unfalls dargestellt. Er wäre frei geblieben.“
Tracy nickte.
„Dustin wußte nicht, daß der
Regen die Uferbüschung weggeschwemmt hatte“, sprach Ron weiter. „Er
glaubte, der Fluß sei noch weit entfernt. Aber er war bereit mich töten, Tracy,
weil er mich für Conrad hielt. Er hatte seine Waffe schon gezückt.“
E N D E