EINE FALLE FÜR TURNER

 

         Die Sonne stand schon tief im Westen, als Christa Mangold nach Hause kam. Die beiden Einkaufstaschen waren vollbepackt und schwer, und wieder einmal hatte sie mehr eingekauft, als beabsichtigt. Christa ging in die Küche und stellte die Einkaufstasche ab. Danach holte sie ein Taschentuch heraus, wischte sich durch die geröteten Augen und putzte sich die tropfende Nase. Ihre Allergie wurden jeden Tag schlimmer.

         „Bleiben Sie ganz ruhig und machen Sie keine falsche Bewegung“, klang plötzlich eine harte, tiefe Stimme in ihrem Rücken.

         Christa erstarrte. Ganz langsam drehte sie sich um. Ein bärtiger Mann stand hinter der Tür. Er hatte ein Messer in der Hand.

         „Wer sind Sie...?“ fragte Christa stockend. „Wie kommen Sie hier herein?“

         „Durch die Hintertür“, sagte der Mann. „Es war ganz einfach. Ich brauchte nur die Scheibe einzudrücken und schon war ich drin.“

         Er nieste.

         „Diese verdammte Erkältung“, knurrte er. „Sie macht doch arg zu schaffen. Aber sie hat mir auch geholfen...“ Er grinste plötzlich. „Sie haben mich ins Gefängniskrankenhaus gebracht, um mich durchzucheken, weil ich alle naselang eine Erkältung habe. In einem günstigen Moment bin ich abgehauen.“

         Seine Augen waren rotunterlaufen. Christa bemerkte, daß er sie kaum offenhalten konnte. Trotzdem wagte sie nicht, irgendetwas zu unternehmen. Sie zuckte zusammen, als das Telefon läutete.

         „Gehen Sie nicht ran!“ befahl er dann.

         Sie gehorchte und lauschte, als der Anrufbeantworter ansprang.

         „Ich bin's“, hörte sie Lukas, ihren Mann, sagen. „Ich bin bei Joe und komme gleich nach Hause.“ Joe Zander besaß ein kleines Lokal.

         Lukas schien noch einen Moment zu warten, legte dann aber auf. Christa drückte eine Taste.

         „Was machen Sie da?“ herrschte der Mann sie an.

         „Ich spule nur das Band zurück.“

         Der Mann nickte und streckte die linke Hand aus. „Ich muß auf dem schnellsten Weg verschwinden. Und Sie werden mich dabei begleiten. Als mein Schutz. Sie haben einen schnellen Wagen in der Garage. Los, gehen wir, bevor Ihr Mann hier ist.“

         „Wohin wollen Sie?“

         Der Mann überlegte kurz. „Sie werden die Straßen abgesperrt haben. Also bleibt mir nur der Bahnhof. In dem Getümmel dort wird man mich nicht finden. Nehmen Sie auch die Einkaufstasche mit. Ich habe seit Stunden nichts Ordentliches mehr gegessen.“

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         Christa zitterte am ganzen Körper, als sie den Wagen in die Stadt hinein lenkte. Um das Schweigen zu durchbrechen, schaltete sie das Radio an.

         „Warum hat man Sie eigentlich eingesperrt?“ fragte sie.

         Der Mann schien über die Frage nicht überrascht zu sein. „Ich habe jemanden umgebracht. Eine Frau.“

         Christa schluckte.

         „Sie hatte mich betrogen, und deshalb hatte sie nichts anderes verdient.“

         Die Musik im Radio brach ab, und die Nachrichten begannen.

         „...heute morgen brach der wegen Mordes an seiner Frau zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilte Rudolf Turner aus dem Gefängniskrankenhaus aus. Vorsicht ist geboten. Turner ist gefährlich. Die Polizei bittet um äußerste Wachsamkeit...“

         Turner schaltete das Radio aus. „Ich war sechs Jahre im Gefängnis. Wissen Sie, was für ein Leben das ist? Jeden Tag das gleiche. Ich sage Ihnen, das hält ein Mann nicht aus. Und ich habe mir geschworen, niemehr dorthin zurückkehren.“

         Sie hatten jetzt den halben Weg bis zum Bahnhof zurückgelegt. Plötzlich mußte sie anhalten.

         „Was ist los?“ fragte Turner.

         „Ein Stau vermutlich“, sagte Christa.

         „Gibt es keinen anderen Weg?“

         Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

         „Na gut. Mal sehen, was Sie zu essen haben.“

         Turner langte in die Einkaufstasche und zog einige Tüten heraus. „Nur Brot und Gemüse?“ knurrte er enttäuscht. „Haben Sie sonst nichts eingekauft?“

         „Tut mir leid...“ Sie zögerte einen Herzschlag lang. „Aber ich habe noch etwas in der Seitentasche. Vielleicht genügt Ihnen das.“

         „Lassen Sie mal sehen.“ Turner griff hinein und holte ein kleines Päckchen hervor. „Was ist das?“

         „Eine Mischung aus Haselnüssen, Walnüssen und Rosinen“, sagte Christa. „Studentenfutter. So nennt man es. Schmeckt gut. Sagt mein Mann jedenfalls. Probieren Sie mal.“

         Er riß das Päckchen auf und schüttete sich eine Handvoll in den Mund. „Ausgezeichnet“, nickte er.

         Turner schien ausgehungert zu sein, denn er schüttete gierig die ganze Tüte in sich hinein.

         Die nächsten Minuten vergingen schweigend. Plötzlich fing Turner an zu stöhnen. Aus den Augenwinkeln sah Christa, daß er sich mit beiden Händen an den Hals griff, röchelte und nach Luft schnappte. Entsetzt bemerkte sie, daß er das Messer fester umkrallte und ihr in die Seite hielt.

         „Halten...!“ flüsterte er kaum hörbar. „Halten Sie...! Hilfe! Ich brauche Hilfe...! Ich ersticke.“

         Christa fuhr einfach weiter. Vor ihnen tauchte das Bahnhofsgebäude auf.

         Großer Gott! dachte sie. Hier müssen doch Polizisten sein.

         Der Druck des Messers an ihrer Seite verstärkte sich. Turner war offenbar nicht mehr Herr seiner Sinne. Er jappste jetzt nach Luft, sein Gesicht war rot angelaufen.

         „Halten...!“ stöhnte er wieder. „Verdammt! Halten... Sie...!“

         Christa trat auf die Bremse. Der Wagen brach aus, knallte mit dem Vorderrad gegen den Bordstein und blieb dann mit quietschenden Bremsen stehen. Im nächsten Moment hörte sie die Polizeisirene.

         Ohne sich um Turner zu kümmern, stieß Christa die Fahrertür auf und lief auf den Polizeiwagen zu.

         „Dort, in dem Wagen ist Turner...“, stammelte sie. „Ich glaube, er ist bewußtlos...“

         Aus der Beifahrertür sprang Lukas.

         „Christa.“ Er fing sie auf. „Ist dir auch nichts passiert?“

         „Nein - nein. Mir geht es gut.“

         „Wie bist du nur auf die Idee mit dem Anrufbeantworter gekommen?“ fragte Lukas.

         „Ich habe Turner erzählt, daß ich das Band zurückspule, aber in Wirklichkeit habe ich die Aufnahmetaste gedrückt.“

         „Großartig. Dadurch wußte ich, wohin er wollte. Ich habe sofort die Polizei angerufen...“ Er sah zu den Polizisten hin, die den fast bewußtlosen Turner zu ihrem Fahrzeug führten. „Was ist mit ihm?“

         „Er hat Studentenfutter gegessen.“

         „Ja, und?“ fragte er perplex.

         „Verstehst du denn nicht? Turner ist Allergiker, genau wie ich. Er hat es nicht gewußt. Er hat an eine Erkältung geglaubt. Aber ich habe es sofort gesehen. Viele Allergiker reagieren auf Haselnüsse allergisch und in der Tüte waren Haselnüsse. Es war eine Chance, eine geringe zwar, aber es hat geklappt. Ich mußte ihn nur dazu bringen, von der Nußmischung zu essen. Er hat keine Sekunde gezögert, weil er ausgehungert war. Aber jetzt muß er umgehend zu einem Arzt, sonst stirbt er womöglich noch an einem Allergieschock.“

 

E N D E