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BLINDE WUT |
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Ihr schlanker Körper dehnte sich vor
der untergehenden Sonne, ihre Bewegungen waren geschmeidig wie eine Schlange.
Hinter einer Baumgruppe in einiger
Entfernung stand Harry Wehmann und beobachtete fasziniert, wie Carmen Thunert
ihren jungen Körper trainierte. Sie war die Attraktion des Zirkus, der seit
zwei Tagen am Stadtrand logierte, und nur ihretwegen strömten die Zuschauer in
Scharen ins Zelt.
Harrys Gesicht glühte, als er die
Konturen ihres reifen Körpers erkennen konnte. Hastig sah er sich um, aber
niemand war in der Nähe. Harry wußte, daß Carmen gerne allein trainierte. Sie
hatte es ihm vor drei Jahren gesagt, als sie zum ersten Mal in dieser Gegend
auftrat. Carmen war noch ein Kind gewesen auf dem Weg zur Frau, doch Harry
begehrte sie schon damals. Und nur weil die Vorstellungen vorzeitig abgebrochen
wurden, hatte er sie nicht in sein Bett bekommen.
Heute jedoch wollte er die günstige
Gelegenheit nicht verstreichen lassen.
Er trat einen Schritt vor. Dabei trat
er auf einen trockenen Ast. Carmen brach ruckartig ihre Übungen ab und starrte
ihm entgegen.
„Harry? Was willst du? Warum
störst du mich?“ Sie zeigte keine große Überraschung, nur kalte Abneigung
spiegelte sich in ihrem Gesicht. Harry ließ sich nicht beirren.
„Du bist schön, Carmen“,
krächzte er.
Sie bemerkte seinen lüsternen Blick und
verschränkte die Hände vor der Brust. Er grinste nur. Unter dem Gips um seine
rechte Hand begann es zu jucken. Ein sicheres Zeihen für seine Erregung. Er
hatte sich das Handgelenk vor drei Tagen gebrochen. Es schmerzte sehr, aber er
achtete nicht drauf. Was war das schon gegen die nächsten Minuten mit Carmen.
Unversehens drehte sie sich um und lief
davon. Aber Harry war schneller. Schon nach wenigen Metern hatte er sie
eingeholt.
„Bleib stehen.“
Sie wehrte sich verzweifelt. Harry
fluchte, als er merkte, daß er mit seiner gebrochenen rechten Hand doch sehr
gehandikapt war.
„Laß mich los“, schrie
Carmen. „Ich bin verlobt. Jason und ich werden in einem Monat
heiraten...“
Für einige Sekunden setzte Harrys
Denken plötzlich aus. Das konnte doch nicht möglich sein! Sie gehörte einem
anderen? Und dann noch diesem Jason...?
Wie im Trance legte er die Hände um
ihren Hals und drückte unbarmherzig zu...
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Die Nachricht erhielt Inspektor
Hellmann, als er gerade das Präsidium betrat.
„Beim Zirkus ist ein Mord
geschehen“, sagte der Beamte des Bereitschaftsdienstes. „Ein
Mädchen...“
Hellmann horchte auf. „Wer ist
es?“
„Carmen“, sagte der Beamte
leise.
Hellmann schloß für einen Moment die Augen.
Ganz deutlich sah er Carmen vor sich, die sich bei jeder Vorstellung wie ein
Gummimensch dehnen und recken konnte, dabei die unmöglichsten Kunststücke
beherrschte und trotzdem wie ein junges, natürliches Mädchen wirkte. So wie
Carmen hatte Hellmann sich immer eine Tochter gewünscht, aber seine Ehe war
kinderlos geblieben.
Und nun war Carmen tot.
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„Erwürgt“, sagte der
Polizeiarzt, als Hellmann am Tatort ankam.
Der Inspektor beugte sich über die
Tote. Ihr Gesicht war in Todesangst verzerrt, und nichts erinnerte mehr an das
junge, unschuldige Mädchen.
Hellmann sah plötzlich einen
Kettenanhänger mit einem „J“ im Gras blinken. Er hob ihn auf,
wickelte ihn vorsichtig in ein Taschentuch und steckte ihn ein. Dann ließ er
seinen Blick über die Artisten, Gaukler und Dompteure des Zirkus gleiten. Sie
waren alle gekommen, und Hellmann starrte in ernste, wütende Gesichter.
Der Inspektor drehte sich um, als
jemand neben ihn trat. Überrascht sah er Harry Wehmann an.
„Was machen Sie hier?“
fragte der Inspektor.
„Der Menschenauflauf hat mich her
gelockt.“ Harry hielt sich die rechte, verbundene Hand, mit der er
unbedacht herum gestikuliert hatte.
„Was ist mit Ihrer Hand?“
„Gebrochen“, knurrte Harry
nur. Er deutete auf die Tote. „So etwas hat sie nicht verdient, obwohl -
sie war ein Flittchen.“
„Sie war erst achtzehn.“
„Aber sie wirkte erwachsener, und
sie konnte ihre Reize gut einsetzen.“
„Auch auf Sie, nicht wahr?“
sagte eine andere, dunkle Stimme. Ein schwarzhaariger Mann war unbemerkt näher
getreten. Aus glühenden, dunklen Augen starrte er Harry Wehmann an.
„Sie haben Carmen schon
nachgestellt, als sie noch ein Kind war. Herr Inspektor, Carmen hat sich vor
ihm gefürchtet. Regelrecht Angst hat sie gehabt.“
„Langsam Janos“, sagte der
Inspektor. „Keine voreiligen Schlüsse.“ Er holte den Kettenanhänger
hervor. „Gehört der Ihnen?“
Janos nickte.
„Ich habe ihn gefunden. Neben der
Toten.“
Janos wurde bleich. „Ich muß ihn
verloren haben, als ich mich über sie beugte. Ich habe Carmen doch
gefunden.“
Harry mußte ein Lächeln unterdrücken.
Das klappte ja besser, als er gedacht hatte.
Die Tote war inzwischen vom Polizeiarzt
noch einmal untersucht worden.
„Ist etwas, Doktor?“ fragte
ihn der Inspektor, weil der Arzt sehr nachdenklich wirkte.
„Ja. Ich habe mir die Würgemale
noch einmal angesehen. Die Verfärbungen auf der rechten Halsseite sind weitaus
stärker als auf der linken.“
„Was bedeutet das?“
„Nun, da der Mörder sie von vorn
erwürgt hat, könnte es bedeuten, daß es ein Linkshänder war.“
„Ich bin kein Linkshänder“,
sagte Harry sofort.
„Ich auch nicht“, meinte
Janos.
Hellmann hatte nichts anderes erwartet.
Sein Blick schweifte hinüber zu den Mitarbeitern des Zirkus. Viele von ihnen
hatten Carmen geliebt, vielleicht war doch einer unter ihnen, der...
Der Inspektor schlug sich plötzlich
gegen die Stirn. Natürlich! Das war die Lösung!
Ruckartig drehte er sich zu Harry
Wehmann hin. „Sie haben Carmen erwürgt. Sie konnten mit ihrer gebrochenen
rechten Hand nicht so fest zudrücken wie mit der gesunden linken. Deshalb sieht
es so aus, als hätte ein Linkshänder Carmen erwürgt.“
Harry Wehmann war schlagartig bleich
geworden. Einen Moment sah er sich nach einer Rettung um, aber dann sackte er
zusammen und gab auf. Er hatte keine Chance mehr...
E N D E