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DER LETZTE ZEUGE |
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Sie standen sich wie Feinde gegenüber,
und die Luft knisterte. Selbst die Boxerhündin neben ihnen spürte die Spannung
zwischen Alexander Weinert und seinem älteren Bruder Karl, denn der Hund
starrte die beiden nur an.
„Es ist nicht dein Ernst,
Karl“, stieß Alexander heiser aus. „Das wirst du nicht tun.“
„Und ob.“
„Aber – wir sind doch
Brüder, ein Fleisch und Blut“, versuchte Alexander es noch einmal.
Karl stieß einen höhnischen Laut aus.
„Sag nur nicht so etwas. Jemand, der einen Menschen auf dem Gewissen hat,
kann nicht mehr mein Bruder sein.“
Alexander Weinert schloß die Augen.
Gut, er hatte eine Dummheit gemacht. Der Stoff, den er gedealt hatte, war nicht
sauber gewesen. Ein junges Mädchen, gerade erst vierzehn, hatte den Schuß nicht
überlebt. Aber dieses dumme Ding war doch selbst schuld, wenn sie sich mit
Drogen einließ.
Alexander hob den Kopf und sah die
Entschlossenheit in Karls Augen. Es gab keinen Zweifel: Karl würde ihn an die
Polizei verraten. Aber dazu durfte es nicht kommen.
Blitzschnell zog Alexander ein Messer
aus seiner Tasche. Karl hatte keine Chance, als die Klinge in seine Brust
gerammt wurde. Mit einem gurgelnden Laut sackte er zusammen.
Nur den Bruchteil einer Sekunde später
sprang der Boxer Alexander Weinert an und biß ihn in den rechten Unterarm. Der
Schmerz schoß wie ein Blitz in sein Gehirn. Alexander stieß einen erstickten
Schrei aus und trat dem Hund mit aller Wucht in den Bauch. Mit einem Jaulen
ließ dieser los und rollte einmal um die eigene Achse, bevor er wieder auf die Beine
kam.
Aber da war Alexander Weinert schon aus
seiner Reichweite und hatte das schmiedeeiserne Tor hinter sich zugeworfen. Mit
wütendem Bellen sprang der Boxer immer wieder dagegen an.
Alexander umklammerte seinen blutenden
Arm. „Halt die Klappe, du dummer Köter. Erkennst du mich denn
nicht?“
Aber der Hund war nicht zu beruhigen.
Alexander zuckte die Schultern und machte, daß er davon kam, bevor jemand durch
den Krach aufmerksam wurde...
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Kriminalassistent Mohr empfing
Kommissar Loose und führte ihn an einem Hundezwinger vorbei, aus dem der Boxer
die Männer wütend anbellte.
„Der Tote heißt Karl
Weinert“, sagte Mohr. „Der Nachbar, Markus Hauser, hat den Toten
gefunden und den Hund in den Zwinger gebracht. Hauser wartet im Haus. Die
Angehörigen des Toten haben wir bereits informiert. Sie müßten in Kürze hier
eintreffen.“
In einer Entfernung von etwa drei
Metern lag die Leiche. Der Kommissar warf nur einen kurzen Blick auf ihn und
ging dann ins Haus. Auf der Couch saß Markus Hauser. Er roch nach Alkohol.
„Sie haben den Toten also
gefunden“, stellte der Kommissar fest.
Hauser nickte leicht. „Ich kam
von einem Spaziergang hier vorbei, sah Karl blutbesudelt am Boden liegen und rief
sofort die Polizei an. Bis sie eintraf, gelang es mir, Asta, den Boxer, in den
Zwinger zu bringen. Ich kenne ihn, seit Karl ihn von seinem Bruder geschenkt
bekam.“
Der Kommissar war überrascht.
„Machten sich die Brüder häufig derartige Geschenke?“
„Aber nein. So gut war ihr
Verhältnis nicht.“
Der Kommissar wurde unterbrochen, denn
sein Assistent führte einen Mann herein, der sich als Alexander Weinert
vorstellte. Der Kommissar reichte ihm die Hand, die Weinert jedoch übersah.
Stattdessen starrte er Hauser an.
„Was macht denn dieser Kerl hier,
Herr Kommissar?“ wollte Alexander Weinert wissen.
„Herr Hauser hat Ihren Bruder
gefunden.“
„Ach nee.“ Alexander mußte
ein Grinsen unterdrücken. An Hauser hatte er gar nicht gedacht.
„Ich nehme doch an, daß Sie nicht
an Zufälle glauben, Herr Kommissar“, sagte Alexander Weinert mit einem
ironischen Unterton in der Stimme. „Was sollte Hauser bei meinem Bruder?
Die beiden haßten sich wie die Pest, seit Hauser vergaß, einen gemeinsamen
Lottoschein abzugeben. Sie wären reiche Leute geworden.“
Der Kommissar sah zu Hauser.
„Stimmt das?“
Hauser nickte nur leicht.
Looses Assistent Mohr hatte inzwischen
ermittelt, daß Karl Weinert erst vor wenigen Wochen seine Lebensversicherung zu
Gunsten seiner Frau Irene erhöht hatte, obwohl die beiden seit einiger Zeit
getrennt lebten.
Um diese Erfahrungen reicher, ging
Kommissar Loose nach draußen, wo soeben Irene Weinert vor- fuhr. Alexander
Weinert folgte ihm schweigend.
Irene Weinert wurde blaß, als der
Kommissar neben sie trat und erklärte, was passiert war.
„Frau Weinert, warum leben Sie
von Ihrem Mann getrennt?“
Sie zögerte nicht. „Wir hatten
uns nichts mehr zu sagen. Unsere Liebe war erloschen.“
„Und wie erklären Sie sich, daß
er seine Lebensversicherung zu Ihren Gunsten änderte?“
Sie sah ihn erstaunt an. „Das
wußte ich gar nicht. Aber das können Sie mir nicht zur Last legen, Herr
Kommissar...“ Sie brach abrupt ab und drehte sich genau wie der Kommissar
erschrocken um. Alexander Weinert war dem Hundezwinger sehr nahe gekommen. Der
Boxer fletschte die Zähne und bellte mit aufgerichtetem Nackenhaar Weinert
wütend an.
„Verdammtes Biest“,
flüsterte Alexander Weinert mit bleichem Gesicht.
„Vor diesem Tier kann man sich
wirklich fürchten“, nickte der Kommissar.
Er seufzte. Es mußte doch irgendeinen
Anhaltspunkt für den Mord an Karl Weinert geben. Plötzlich beugte er sich vor
und starrte aufmerksam den Boxer an. Und dann durchzuckte ihn ein
Gedankenblitz.
„Herr Weinert...!“
Alexander blieb stehen.
„Ja?“
„Sie haben Ihren Bruder
erstochen.“
Alexander Weinert lachte auf, aber er
war plötzlich sehr unruhig geworden, denn das siegessichere Gesicht des
Kommissars verhieß nichts Gutes.
„Sie haben Ihrem Bruder den Boxer
geschenkt, nicht wahr? Der Hund kannte Sie also gut. Und trotzdem wollte er Sie
angreifen. Finden Sie das nicht auch merkwürdig?“
Alexander zuckte unsicher die
Schultern.
„Das kann doch nur bedeuten, daß
der Hund den Mord gesehen hat, und somit wurde der Mörder auch für ihn zum
Feind. Aber wenn Ihnen das noch nicht genügt... Warum haben Sie mir eben nicht
die Hand gereicht? Hat Sie das Tier etwa mit seinen scharfen Zähen gefaßt? Ich
denke, ich sollte veranlassen, daß ein Arzt Sie untersucht. Oder wollen Sie
lieber gleich gestehen? Ein Motiv werden wir sicher schnell finden.“
E N D E