GIB NICHT AUF, CORINNA

         Die Sonne stand schon tief im Westen, als Corinna Langner das kleine Juweliergeschäft verließ.

         Draußen blieb sie einen Moment stehen und schloß die Augen. Sie hatte ein Kollier verkauft, das seit vielen Generationen im Besitz ihrer Familie gewesen war. Corinna hatte ihrer Mutter versprochen, daß das Kollier niemals in andere Hände fallen würde. Und jetzt hatte sie ihr Wort gebrochen.

         Sie wollte die Straße überqueren, als sie abrupt festgehalten wurde.

         „Bleiben Sie stehen!“ sagte eine Stimme hinter ihr. „Sie wären direkt in das Auto gelaufen.“

         Corinna erwachte wie aus einem Traum und trat schnell einen Schritt zurück, denn der Lastwagen raste nur wenige Zentimeter an ihr vorbei.

         Sie hob den Kopf und sah zu dem Mann auf. Er war groß, mit dunklem Haar und hellen Augen, die sie jetzt lange und sorgenvoll ansahen.

         „Danke“, sagte sie. „Vielen Dank.“

         Sie wollte an ihm vorbeigehen.

         „Warten Sie“, sagte er leise. „Wir kennen uns doch. Wir haben uns vor einem Jahr bei der Modenschau der Firma Krüger gesehen. Erinnern Sie sich nicht mehr? Ich bin Michael Mohr.“

         Sie starrte ihn an. Natürlich, jetzt erkannte sie ihn wieder. Er hatte einige Zeit neben ihr gestanden und sie anschließend zum Essen eingeladen. Ihr fiel wieder ein, wie charmant er reden konnte, und wie sehr sie den Abend genossen hatte.

         „Ich glaubte zunächst, mich zu täuschen, als ich Sie im Juweliergeschäft sah. Aber als Sie hinausgingen, war ich ganz sicher. Zum Glück bin ich Ihnen gefolgt.“ Er sah hinter dem Lastwagen her, der eben in einiger Entfernung um eine Kurve bog.

         „Kann ich Sie mit zur Firma Krüger nehmen, Fräulein Langner. Ich bin auf dem Weg dorthin...“

         Er hat sogar meinen Namen behalten, dachte sie, und für einen Augenblick erschien ein kurzes Leuchten in ihren Augen. Doch gleich darauf wirkten sie wieder leer und wie erloschen.

         „Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich arbeite nicht mehr bei Krüger.“

         Er bemerkte ihre plötzliche Verzweiflung.

         „Sie sind nicht sehr glücklich, Corinna“, murmelte er. „Ich habe Sie anders in Erinnerung. Dort drüben steht mein Wagen. Wenn Sie wollen, bringe ich Sie nach Hause.“

         Sie rührte sich nicht.

         „Was ist?“

         „Ich - ich kann doch nicht einfach zu Ihnen ins Auto steigen...“

         „Warum nicht?“ sagte er leise, und die warme Ausstrahlung, die von ihm ausging, beruhigte sie derart, daß die Anspannung in ihren Augen verflog.

         „Ich weiß nicht, wie es kommt“, sagte sie immer noch zögernd. „Aber ich brauche wirklich jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann.“

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         Michael Mohr fuhr langsam. Er fragte sie nicht, weil er merkte, daß sie Zeit brauchte.

         „Sie haben mich entlassen, weil Kurt, mein Mann, die Tageskasse geraubt hatte...“, begann Corinna leise und sah dabei zur Seite, weil sie sich schämte.

         „Mein Mann ist ein Spieler. Zuerst nahm er hohe Kredite auf, dann kam er eines Tages in die Firma, um mich abzuholen, und in einem günstigen Augenblick nahm er das Geld...“ Sie stockte einen Moment. „Ich habe mich um eine neue Stellung bemüht, aber irgendwie muß mir der Ruf meines Mannes vorausgeeilt sein. Hinzu kommt, daß ich für seine Kredite aufkommen muß.“

         „Und weil Sie kein Geld mehr haben, verkaufen Sie nun Ihren Schmuck“, stellte er fest und fügte hinzu: „Ich habe es gesehen.“

         Da sie nicht sofort darauf antwortete, fuhr Michael schweigend weiter, bis sie ihre Wohnung erreichten. Er hielt an, griff in seine Tasche und reichte ihr seine Visitenkarte.

         „Ich bin noch ein paar Tage in der Stadt. Rufen Sie ruhig an, wenn Ihnen danach ist.“

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         Ich hätte ihm doch nicht alles erzählen sollen, dachte Corinna, als sie allein in ihrer Wohnung war. Aber sie fühlte, daß sie dadurch sehr viel ruhiger geworden war. Zulange schon hatte sie ihre Sorgen allein mit sich herumgetragen.

         Am Nachmittag erschien Kurt.

         Wie er wieder aussieht? dachte sie bitter. Seine ganze Gestalt wirkte ausgemergelt, und in seinen Augen flackerte der typische Blick eines Spielers.

         „Ich bleibe nicht lange, Corinna“, sagte er sofort mit heiserer Stimme. „Ich gehe gleich wieder, wenn du mir Geld gibst.“

         „Nein!“ Corinna schüttelte energisch den Kopf. „Von mir bekommst du keinen Pfennig.“ Dabei sah sie automatisch zu ihrer Handtasche auf der Couch hin. Kurt bemerkte ihren Blick und stürzte auf die Tasche zu. Ehe Corinna reagieren konnte, hatte er sie geöffnet und die Geldscheine an sich genommen.

         „Wo hast du das Geld her?“ fragte er.

         „Gib es zurück!“ schrie sie. „Kurt, bitte! Ich habe das Kollier meiner Mutter verkauft. Du weißt, was ihr das bedeutete. Ich muß die Schulden davon bezahlen... deine Schulden... Kurt!“

         Er steckte die Scheine ein. „Weißt du was? Mit diesem Geld versuche ich zum letzten Mal mein Glück. Danach höre ich mit dem Spielen auf...“

         „Kurt...“

         „Du glaubst mir nicht? Es ist aber wahr, Corinna. Dieses eine Mal noch...“

         Er drehte sich um und ging hastig hinaus. Mit hängenden Armen blieb Corinna zurück. Irgendwann wich die Leere um sie, und es gelang ihr, wieder einige klare Gedanken zu fassen. Auf der Kommode lag Michael Mohrs Visitenkarte. Corinna nahm sie in die Hand.

         Seine Gestalt, sein lachender Mund und seine warme Stimme tauchten vor ihr auf.

         Hatte sie kein Recht mehr auf ein glückliches Leben? War ihr mit achtundzwanzig Jahren schon jede Zukunftsperspektive genommen? Es wäre so einfach gewesen, ihn anzurufen, ihm zu sagen, was sie bedrückte, wie gern sie bei ihm sein wollte, aber sie legte die Visitenkarte zur Seite.

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         In dieser Nacht fand sie lange keinen Schlaf, weil sie nicht wußte, wie es weitergehen sollte. Sie war gerade mit ihrem Frühstück fertig, als es an ihrer Tür läutete.

         Wer kann das so früh sein? fragte sie sich. Kurt? Wollte er schon wieder Geld von ihr?

         Sie ging zur Tür und öffnete.

         „Michael!“ Ihn hatte sie am wenigsten erwartet.

         „Komme ich ungelegen?“

         Sie schüttelte den Kopf.

         „Ich habe auch nur wenig Zeit. Ich bin nur gekommen, um Ihnen das zurückzubringen.“ Er griff in seine Jackentasche und brachte einen Ausweis hervor. „Den haben Sie in meinem Wagen verloren, Corinna. Wahrscheinlich haben Sie es noch gar nicht bemerkt. Aber es war in guter Grund, Sie wiederzusehen...“ Er lächelte, um sie etwas aufzuheitern, aber ihr Gesicht blieb ernst.

         „Ich habe den Ausweis tatsächlich noch nicht vermißt. Danke, vielen Dank.“ Sie wollte noch etwas sagen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

         Einige Augenblicke standen sie schweigend voreinander, dann senkte er den Kopf. „Tja, dann - dann auf Wiedersehen...“

         Er wandte sich zur Tür.

         Geh nicht!

         Hatte sie es laut gesagt oder nur gedacht? Auf jeden Fall blieb er stehen.

         „Ich - ich bleibe nicht bei Kurt.“ Sie war überrascht, wie fest ihre Stimme war. Kein Zittern, keine Spur von Gewissensbissen. „Ich halte dieses Leben nicht mehr aus. Ich habe zu lange auf ein Wunder gehofft, und er hat mehr als einmal seine Chance gehabt. Ich kann nicht mehr...“

         Sie sah ihn an. „Noch habe ich die Kraft, ihn zu verlassen. Aber bald vielleicht nicht mehr. Verachtest du mich jetzt?“

         Er schüttelte den Kopf. „Ich kann verstehen, wie dir zumute ist, und ich verachte dich nicht. Im Gegenteil. Wenn du willst, dann helfe ich dir...“

         Einen Augenblick lang sahen sie sich stumm an.

         „Laß mir noch etwas Zeit. Nur ein paar Wochen.“

         „Natürlich“, sagte er. „Solange du willst.“