VOLLTREFFER INS HERZ |
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Jochen Lehmann schaute auf die Uhr. Er
war spät dran an diesem Morgen, und er musste sich beeilen, rechtzeitig im
Gerichtsgebäude zu sein. Sein Vorgesetzter hasste Unpünktlichkeit.
„Hallo! Hallo!“
Die helle Stimme drang laut über den
Platz. Jochen Lehmann benötigte einen Moment, bis er begriff, dass er gemeint
war. Er kniff die Augen zusammen und sah zur gegenüberliegenden Straßenseite.
Dort stand neben einem weißen Wagen eine junge, schwarzhaarige Frau. Sie winkte
zu ihm herüber.
Obwohl er in Eile war, ging Jochen auf
sie zu.
„Ich dachte schon, Sie würden
mich niemals bemerken.“
Jochen betrachtete sie. Er schätzte sie
auf Mitte zwanzig, und sie war sehr hübsch. Aber er konnte sich nicht erinnern,
sie jemals gesehen zu haben. „Kennen wir uns denn?“
„Nein, nein. Es ist auch nicht
meine Art, jemanden auf diese plumpe Weise anzusprechen, aber ich brauche
Hilfe. Ich habe mich verfahren. Ich bin schon zum vierten Mal an diese Kreuzung
gekommen. Ich glaube, halb München besteht nur aus Kreisverkehr.“
„Wohin wollen Sie denn?“
„Ich suche die Autobahn nach
Frankfurt.“
„Haben Sie eine Karte?“
„Im Handschuhfach.“
Ohne nachzudenken, öffnete Jochen die
Beifahrertür und setzte sich.
„He, was soll das?“, fragte
sie. „So war das nicht gemeint.“ Ein Hauch von Panik erschien in
ihren blauen Augen. Jochen bemerkte es und lächelte beruhigend.
„Sie brauchen keine Angst vor mir
zu haben“, sagte er schnell. Er deutete zu einem großen Gebäude auf der
gegenüberliegenden Seite. „Sehen Sie das? Das ist das Gerichtsgebäude.
Dort arbeite ich. Ich bin Staatsanwalt.“ Er stellte sich ihr vor.
Sie entspannte sich sogleich, lächelte
sogar zaghaft. „Dann habe ich aber Glück. Ich hatte Sie schon auf der
falschen Seite des Gesetzes vermutet. Ich heiße Sabine Kemper.“
Sie reichte Jochen die Hand.
„Sie wollen also nach
Frankfurt?“
„Nach Hamburg. Morgen abend muss
ich dort sein.“
„So lange brauchen Sie aber
nicht.“
„Ich weiß. Ich habe vor,
unterwegs zu übernachten.“
„Schade, ich hatte gehofft, Sie
würden hier übernachten, und ich könnte Sie zum Essen einladen.“ Er
wusste selbst nicht, warum er das sagte, es rutschte ihm einfach heraus.
Ihre Natürlichkeit war auch sofort wie
weggewischt. „Sie meinen wohl, jede Gefälligkeit müsste mit einer
Gegenleistung belohnt werden? Dann vergessen Sie mein Anliegen. Steigen Sie
bitte aus. Ich werde jemand anderen fragen.“
„Entschuldigen Sie. So war es
nicht gemeint. Also zur Autobahn nach Frankfurt ist es ganz einfach...“
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Wenig später war Jochen im
Gerichtsgebäude. Der Oberstaatsanwalt war noch nicht da. Er hatte sich also
auch verspätet. Als junger Staatsanwalt wurde Jochen oft als sogenannter
Springer eingesetzt, und heute musste er einen Fall von Beamtenbeleidigung
verhandeln. Es waren meistens einfache Menschen, mit denen er es zu tun hatte,
die mehr oder weniger durch Zufall mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.
Aber Jochen musste seine Pflicht erfüllen.
Jochen verfolgte die Verhandlung nur
flüchtig. Er hatte gute Laune, und er wusste, dass dies mit der Begegnung mit
Sabine Kemper zusammenhing. Sie war wie ein stürmischer Morgenwind in sein Herz
gefahren, und sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Nach der Verhandlung, die auf Jochens
Antrag hin mit einem Freispruch für den Angeklagten endete, hatte er einen
Termin mit dem Oberstaatsanwalt.
„Herr Lehmann, bitte nehmen Sie
Platz.“
Warum so förmlich?, dachte Jochen. Das
war doch sonst nicht die Art des Oberstaatsanwaltes. Überhaupt schien er Jochen
gegenüber viel freundlicher und jovialer zu sein als bisher. Natürlich war er Jochens
Vorgesetzter und musste schon deshalb Distanz wahren, aber manchmal hätte sich
Jochen schon mehr Kontakte und Ratschläge gewünscht.
„In der Zeit, in der Sie nun bei
uns sind, Herr Lehmann, habe ich Sie beobachtet und als tüchtigen
Anklagevertreter kennengelernt“, begann der Oberstaatsanwalt.
„Danke.“
„Sie stehen für Recht und Ordnung
ein, können aber auch sehr gut differenzieren und Gnade vor Recht walten
lassen. Ein junger Anwalt hat es immer sehr schwer, besonders bei ausgefuchsten
Verteidigern, aber Sie sind auf dem richtigen Weg. Wie Sie wissen, findet im
nächsten Monat eine Tagung in Kiel statt.“
Jochen nickte.
„Wir hatten uns bisher noch nicht
auf alle Teilnehmer geeinigt, aber nun sind wir zu dem Entschluss gekommen,
dass auch Sie dazu gehören sollen.“
Jochen schluckte. Das war eine
Auszeichnung, die ihm deutlicher als alle Worte zeigte, dass man mit seiner
Arbeit zufrieden war.
„Wir werden in den nächsten Tagen
alles noch einmal miteinander durchgehen, Herr Lehmann. Ich nehme an, Sie freuen
sich?“
„Aber natürlich...“ Jochen
war immer noch sprachlos, und ein wenig hölzern stand er auf und verabschiedete
sich rasch.
Er ging in sein Dienstzimmer, warf die
Robe auf den Kleiderhaken und holte das Telefonbuch von Hamburg hervor. Von
Kiel bis Hamburg war es nur ein Katzensprung, und es wäre eine Gelegenheit, sie
wiederzusehen.
Eine Sabine Kemper war nicht im
Telefonbuch verzeichnet.
Jochen kniff die Lippen aufeinander. Er
konnte unmöglich alle Kempers in Hamburg anrufen, um festzustellen, zu wem
Sabine gehörte. Und - wahrscheinlich war sie ja verheiratet und stand deshalb
nur unter dem Namen ihres Mannes im Telefonbuch.
Enttäuscht legte er das Telefonbuch
wieder fort. Die gute Laune war mit einem Mal verflogen.
Das Mittagessen nahm Jochen wie immer
bei Pedro, dem Mexikaner um die Ecke, ein. Auf dem Weg dorthin blieb er
plötzlich stehen, denn direkt vor dem Polizeirevier stand der weiße Wagen.
Jochen erkannte ihn sofort. Sabine Kemper war also noch in der Stadt. Sein Herz
klopfte plötzlich schneller.
Ohne zu überlegen betrat er die
Polizeistation. Die Polizisten kannten ihn und waren überrascht, als er in der
Tür stand.
Sabine Kemper diskutierte heftig mit
einem Polizisten. Ihr Gesicht war gerötet, aber das machte sie nur noch
hübscher.
„Was ist denn passiert?“
Als sie seine Stimme hörte, drehte sie
sich um und sah ihn überrascht, aber jetzt auch hoffnungsvoll an. „Sie
sind es?“ Die weiteren Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Jochen
konnte sie kaum bremsen. Er verstand nur, dass sie im Halteverbot geparkt hatte
und nun nicht bezahlen wollte.
„Sie sind doch Anwalt,
Jochen.“
„Staatsanwalt.“
„Das ist doch egal. Sie müssen
mir helfen. Es waren nur fünf Minuten.“
„Die Zeit spielt keine
Rolle“, sagte der Polizist. „Bezahlen oder Anzeige.“
Sabine sah Jochen verzweifelt an.
„Was soll ich denn nur tun?“
„Tja, das ist schwer zu sagen. Am
besten, Sie zahlen die Strafe.“
„Auf keinen Fall.“
„Dann bleibt uns nichts andere
übrig.“ Jochen wandte sich an den Polizisten. „Stellen Sie ihren
Führerschein vorläufig sicher.“
„Aber...“ Sie starrte ihn
mit offenem Mund an. „Das können Sie doch nicht tun.“
Jochen grinste. „Es ist die
einzige Möglichkeit, Sie hierzubehalten, Sabine. Oder gehen Sie jetzt
freiwillig mit mir essen?“
Jetzt hatte sie seine Absicht erkannt.
„Sie - Sie Schuft“, presste sie zwischen den Zähnen hervor, aber es
klang gar nicht mehr ärgerlich.
Jochen hakte sie unter, und während er
dem Polizisten ein Auge zukniff, zog er sie einfach hinaus.
„Wohin gehen wir?“
„Ich gehe mittags immer zu Pedro.
Es ist ein einfaches, aber herrliches Lokal. Es wird Ihnen gefallen.“
„Bestimmt“, lächelte sie.
„Ach - übrigens...“ Er
verharrte. „Ich habe im nächsten Monat in Kiel zu tun. Bis Hamburg ist es
nicht weit. Oder... oder erwartet Sie jemand in Hamburg?“
Sie erwiderte seinen Blick und wusste,
was seine unausgesprochene Frage bedeutete. „Nein, es wartet niemand auf
mich. Und - ich freue mich, wenn du kommst, Jochen.“