DIE REISE NACH SALZBURG

 

            Manuel Wilkes schaltete die Scheinwerfer an. In den letzten Minuten hatte das Schneetreiben erheblich zugenommen, und es war deutlich dunkler geworden. Ein Schild tauchte am Straßenrand auf, das Manuel kaum erkennen konnte. Noch zehn Kilometer bis zur Grenze.

         Er warf einen raschen Blick zu Sabrina Kostner auf dem Beifahrersitz. Sie war schon seit Stunden still, eigentlich, seit sie Frankfurt verlassen hatten.

         Manuel seufzte leicht, und wieder dachte er daran, warum er um diese Zeit hier auf der Autobahn in Richtung Österreich unterwegs war...

         Vor zwei Tagen war Sabrina aufgeregt mit einem Zettel in der Hand zu ihm gekommen.

         „Manuel, sieh dir das an“, hatte sie mit verzweifelter Stimme ausgestoßen. „Ein Fax von Kai. Ich soll ihn nicht besuchen kommen, mehr nicht.“

         Kai Langenbach war Sabrinas Freund. Alle drei kannten sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit und hatten sehr viele schöne Stunden zusammen verbracht. Vor einem Vierteljahr war Kai dann nach Salzburg versetzt worden. Dort sollte er für seine Elektronikfirma eine Zweigstelle aufbauen. Sabrina hatte vor, ihn für zehn Tage zu besuchen. Und nun dies...

         „Manuel, da ist was passiert. Ich habe mehrmals versucht, ihn anzurufen, aber er meldete sich nicht. Ich mache mir wirklich Sorgen. Kannst - kannst du mich nicht hinfahren?“

         Manuel war zunächst verblüfft gewesen, hatte dann aber zugesagt, weil er die Reise mit einem kleinen Skiurlaub verbinden wollte. Das Hotel, in dem er schon einige Male gewohnt hatte, war noch frei gewesen...

         Manuel sah auf seine Uhr. Es war kurz vor acht am Abend. Vor nunmehr zehn Stunden waren sie aufgebrochen, und seit sie die Grenze passiert hatten und von der Autobahn abgebogen waren, kamen sie nur noch sehr schleppend voran. Seine Augen begannen zu schmerzen, die Anstrengung der Autofahrt bei dem Schneetreiben machte sich jetzt doch bemerkbar.

         Plötzlich geriet der Verkehr völlig ins Stocken, und dann ging nichts mehr. Manuel stieg aus, um die Scheinwerfer zu säubern, denn der Schnee war naß und schwer und klebte an der gesamten Motorhaube. Ein paar andere Fahrer taten es ihm nach.

         „Die Straße ist gesperrt“, sagte jemand.

         Manuel biß sich auf die Lippen. Er war schon öfter hier gewesen und wußte, daß sich ganz in der Nähe ein kleiner Ort mit einigen guten Gasthäusern befand. Wenn er Glück hatte, erhielten sie dort für die Nacht noch zwei Zimmer.

         Endlich ging es weiter. Sein Wagen rutschte mehr als er fuhr, und Manuel, der eigentlich nie Angst beim Autofahren hatte, begann sich Sorgen zu machen, denn andere Fahrzeuge kamen ihm oft bedrohlich nahe.

         Sie benötigten über eine Stunde, bis sie endlich den Ort erreichten. Die Lichter der Häuser schimmerten verzerrt durch den dichten Schneeschleier. Gleich am ersten Gasthof hielt Manuel an.

         Sabrina schaute hinaus. Inzwischen war auch sie völlig erschöpft von der langen Fahrt und mit allem einverstanden.

         Manuel stieg aus, ging ins Hotel und kam kurz darauf zurück.

         „Sie haben nur noch ein Doppelzimmer“, sagte er mit einem verlegenen Lächeln auf den Lippen. „Tut mir wirklich leid, Sabrina, aber es ist Hochsaison und seit die Straße gesperrt ist, kamen schon andere auf die Idee, hier zu übernachten. Wir könnten es zwar weiter versuchen, aber sie haben mir keine große Hoffnung gemacht.“

         Sie zuckte die Schultern. Was machte es schon aus, mit Manuel in einem Zimmer zu schlafen. Sie kannten sich ja gut genug. Eine andere Wahl hatten sie ohnehin nicht.

         Im Zimmer blieb Sabrina jedoch abrupt stehen. Irritiert schaute Manuel sie einen Moment lang an, dann verstand er. Außer einem Tisch und ein paar Stühlen war nur noch ein großes französisches Bett vorhanden. Selbst wenn sie sich bemühten, es würde nicht ausbleiben, daß sich ihre Körper im Schlaf berührten.

         „Ich – ich kann auf dem Fußboden schlafen“, sagte er.

         „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du bist die ganze Zeit über gefahren. Wir – wir werden es schon schaffen.“

         Manuel benutzte als erster das Bad. Er stellte sich schlafend, während sie auf der anderen Seite ins Bett kroch. Wenig später war sie eingeschlafen.

         Obwohl Manuel todmüde war, lag er noch lange wach. Sabrinas gleichmäßige Atemzüge und der Duft ihres Parfüms füllten das ganze Zimmer aus. Er war lange nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen und hatte fast vergessen, wie schön es war, zu zweit zu sein...

         Irgendwann war er dann vor Erschöpfung doch eingeschlagen.

         Manuel erwachte, weil das Tageslicht ins Zimmer schien. Er blinzelte und lag plötzlich bewegungslos. Langsam drehte er den Kopf zur Seite. Er hatte sich nicht getäuscht. Sabrina lag in seinen Armen. Irgendwann in der Nacht mußte er wohl automatisch seinen Arm ausgestreckt haben, und sie hatte ihren Kopf an seine Brust gelegt. Nun schlief sie und sah aus wie ein Engel.

         Eine Zeitlang beobachtete er sie. Plötzlich schlug sie die Augen auf, weil sie seinen Blick gespürt haben mußte. Im Nu verkrampfte sie sich. Dann löste sie sich aus seinem Arm und verschwand im Bad.

         Sie sprachen nicht mehr davon, aber während der weiteren Fahrt lag eine geheimnisvolle Stimmung zwischen ihnen.

         Die Straßen waren inzwischen einigermaßen geräumt, und in Salzburg schien sogar die Sonne.

         „Wo soll ich dich absetzen?“ fragte Manuel.

         Sabrina nahm den Stadtplan in die Hand und wies ihm den Weg zu Kais Wohnung.

         „Hast du denn einen Schlüssel?“ fragte er, als sie das Haus erreichten.

         „Nein. Ich warte, bis er kommt.“

         Manuel runzelte die Stirn. „Das kann Stunden dauern.“

         „Ich habe Zeit.“

         Er nickte. „Gut, wie du willst. Aber du weißt ja, wo ich wohne.“

         Er sah ihr nach, wie sie mit ihrem kleinen Koffer zum Haus ging und sich dort suchend umsah, dann wendete er den Wagen und fuhr los.

         Am Nachmittag lieh er sich die Skiausrüstung und verbrachte den restlichen Tag mit ausgiebigen Spaziergängen. Gegen Abend aß er eine Kleinigkeit im Hotelrestaurant. Dabei sah er auf die Uhr. Was Sabrina jetzt wohl machte?

         Er spürte plötzlich einen Stich in der Magengegend, und wieder dachte er an die vergangene Nacht zurück. Er sehnte sich plötzlich wieder danach, Sabrina im Arm zu halten.

         Manuel stockte. Ja, er mochte Sabrina, und nicht erst seit heute. Eigentlich schon lange, aber er hatte die Gefühle zurückgedrängt, weil er wußte, daß sie zu Kai gehörte...

         Er schüttelte die Gedanken ab. Es gab viele andere Mädchen, und sicher würde er irgendwann eine Frau finden, mit der er sein Leben verbringen konnte.

         Gegen zehn Uhr ging er auf sein Zimmer. Er wollte sich aus der Bar noch eine Flasche Wein nehmen und den Abend bei einem Fernsehfilm ausklingen lassen. Plötzlich klopfte es an seiner Tür.

         Er öffnete – und prallte zurück.

         „Sabrina...? Du...?“

         Sie sagte nichts, und erst jetzt erkannte Manuel im schwachen Schein der Flurbeleuchtung, daß sie geweint hatte. Er zog sie hinein.

         Sie schniefte und wischte sich durch die Augen, und er ließ ihr Zeit. „Kai ist gar nicht mehr in Salzburg“, sagte sie schließlich leise. „Ich – ich habe stundenlang vor seiner Wohnung gewartet. Dann kam eine Nachbarin. Sie erzählte mir, daß Kai die Leitung der Firma in Ungarn übernommen hat...“ Sie hob den Kopf. „Und er ist nicht allein, Manuel. Er – er hatte eine Frau dabei. Deshalb sollte ich ihn nicht besuchen. Weißt du, was das bedeutet, Manuel?“

         Er verzichtete auf eine Antwort.

         „Er liebt mich gar nicht mehr“, sprach Sabrina weiter. „Ich bin dann in ein kleines Cafe gegangen, aber nun – nun weiß ich nicht wohin.“

         Sein Blick ging automatisch zum breiten Bett.

         „Du kannst die Nacht hier bleiben“, sagte er, „wenn – wenn es dir nichts ausmacht...“

         Nur einen Moment lang stand sie mit hängenden Armen vor ihm, dann glitt ein Lächeln um ihren Mund.

         „Die letzte Nacht war schön, nicht wahr“, sagte sie leise. „Weißt du, daß ich den ganzen Tag daran gedacht habe? Ich...“ Sie geriet ins Stocken und brach ab.

         Manuel ergriff ihre Arme. „Du brauchst nicht weiter zu reden, Sabrina. Jetzt lassen wir uns erst einmal etwas zu essen bringen und dann sehen wir weiter, ja?“